2 Tage in Shanghai
Auf dem Weg nach Neuseeland und von Neuseeland zurück hatte ich jeweils einen Tag Aufenthalt in Shanghai. Da ma
Auf dem Weg nach Neuseeland und von Neuseeland zurück hatte ich jeweils einen Tag Aufenthalt in Shanghai. Da man, wenn man einen deutschen Pass und ein Weiterflugticket in ein Drittland hat, kein Visum braucht, um die Stadt zu besichtigen, ist der Zugang ziemlich einfach.
Ich wusste allerdings gar nicht was mich erwartete. Das einzige, was ich mit Shanghai in Verbindung brachte, waren riesige Straßen, viel Verkehr, Smog, Hochhäuser und permanente Kameraüberwachung. Und natürlich Chinesen, die nur chinesisch sprechen und überall chinesische Schriftzeichen. Außerdem wusste ich, dass WhatsApp und Google – Dinge die wir in unserem Alltag ständig benutzen um zu kommunizieren, zu bezahlen oder uns zu orientieren, in China nicht funktionieren.
Insofern war ich froh, dass es von Trip.com eine geführte Layover-Tour für Reisende mit längerem Zwischenaufenthalt in Shanghai gab. Mit einem Kleinbus fuhren wir in die Stadt. Wir waren eine bunte Gruppe aus Europäern und Asiaten, die alle gespannt auf die Megastadt waren. Unser Guide erzählte uns etwas über die Geschichte Shanghais – der Stadt am Meer. Heute gehört die Stadt mit knapp 30 Mio. Einwohnern zu den Top 5 der größten der Welt und ist damit die einwohnerreichste Stadt Chinas.

Das, was wir von der Autobahn sahen, bestätigte meine Vorurteile. Graue Hochhäuser mit unzähligen Stockwerken und volle, mehrspurige Straßen, auf denen der Verkehr wuselte.
In der Innenstadt hielten wir als erstes beim Wukang Mansion, einem Gebäude, dessen Architektur so gar nicht chinesisch, sondern eher europäisch wirkte. Rötliche Backsteinfassade auf einer grauen Mauer mit runden Torbögen. Das Haus war zwischen zwei spitz aufeinander zulaufenden Straßen erbaut und erinnerte durch seine dreieckige Form eher an das Hamburger Chilehaus mit abgerundeter Ecke. Es stammte aus der Zeit der französischen Konzession, in der man im damals internationalen Shanghai gerne Häuser im europäischen Architekturstil baute. Wir sahen auch noch weitere Häuser, die überraschend europäisch wirkten.
Unser Guide erzählte uns vom Leben in Shanghai. Mir fielen die unzähligen E-Bikes auf, die in Türkis oder Gelb an der Straße standen. Für umgerechnet 2€ pro Monat konnte man diese Fahrräder leasen und so viel damit herum fahren, wie man wollte. Ein eigenes Fahrrad wurde somit unattraktiv. Man konnte sich einfach eines der Räder auf der Straße nehmen, es mit dem Smartphone entriegeln und zum Wunschziel fahren, wo man den Drahtesel einfach wieder abstellte.
Wir kamen auf einen Markt, auf dem allerlei verschiedene Gemüse- und Obstsorten angeboten wurden. Daneben gab es fangfrischen Fisch. Uns lief das Wasser im Mund zusammen aber wir konnten leider nichts kaufen, da wir weder Bargeld dabei noch Alipay auf dem Handy hatten.
Mittags hatten wir dann zwei Stunden Freizeit. Mit einer weiteren Deutschen und einer Spanierin schlenderte ich durch die bunte Fußgängerzone, in der sich ein Shoppingcenter an das nächste reihte. Alle paar Meter stand eine Polizeistation und natürlich überall Kameras. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und ließen uns die Köpfe von der schrillen Leuchtreklame an den Häusern verdrehen als wir plötzlich von aufdringlichem Gehupe aus den Gedanken gerissen wurden. Wir sprangen zurück und stellten fest, dass wir mitten auf einer Kreuzung standen. Eine Kleine Seitenstraße kreuzte die große Fußgängerzone, es gab auch eine Fußgängerampel, die aber zwischen all der Reklame und den vielen Menschen fast unterging. Auf der Straße fuhren ausschließlich Elektroroller, die so leise waren, dass man sie nicht kommen hörte. Daher das Gehupe. Da fiel mir auf, wie leise es in dieser Großstadt war. Auch an den mehrspurigen, viel befahrenen Straßen hörte man die Autos kaum, denn es waren fast ausschließlich Elektroautos unterwegs. Dies machte sich auch an der Luft bemerkbar, denn Shanghai hatte sein Smog-Problem u.a. durch die Umstellung auf Elektrofahrzeuge fast vollständig in den Griff bekommen.

Wir liefen die Fußgängerzone entlang bis zum legendären Bund, einer Promenade am Fluss, die von prunkvollen Häusern unterschiedlicher Architekturstile (von Barock über Renaissance bis zu Art déco) gesäumt waren. Auf der anderen Seite des Flusses bildete das Finanzviertel mit seinen modernen Wolkenkratzern aus Stahl und Glas und dem Oriental-Pearl-Tower mit seinen pink-silbrig-schimmernden Kugeln einen krassen Gegensatz.
Der Hunger trieb uns zurück in die Fußgängerzone. Wir wählten ein chinesisches Restaurant mit englischer Speisekarte und fragten am Eingang, ob es möglich sei, mit Kreditkarte zu bezahlen. Ja klar! Wir wählten Nudelsuppe und Teigtaschen und gaben unsere Bestellung mit Händen und Füßen bei der Kellnerin auf – denn die konnte kein Englisch. Als wir bezahlen wollten und unsere Karten hochhielten, sahen sie uns mit großen Augen an. Alipay, Alipay! Hatten wir aber nicht. Unser Guide hatte uns aber versichert, dass man fast überall auch mit Kreditkarte bezahlen könne und so bestand ich darauf, dass sie zumindest meine Kreditkarte ausprobierten. Es funktionierte. Puh!
Wieder zurück am Flughafen vertrieben wir uns noch die restlichen Stunden bis zum Weiterflug. Der Flughafen war sehr weitläufig und die Orientierung war nicht so einfach, also fragten wir am Infoschalter. Dort sprach der Chinese die Antwort auf Chinesisch in seine Übersetzungsapp, die uns dann auf Englisch die Frage beantwortete. Wir gingen los und mussten auf halber Strecke feststellen, dass seine Antwort irgendwie nicht zu unserer Frage passte. Also fragten wir die nächste Person, die uns in die entgegengesetzte Richtung schickte. Erst später erfuhr ich, dass es in der asiatischen Kultur verpönt ist, Nichtwissen zuzugeben. Statt sich zu blamieren, sagt man dann lieber irgendwas – auch wenn es falsch ist. Daher: frage in China immer zwei oder drei Menschen, bis du zwei Mal die gleiche Antwort bekommst (gleiches soll auch für Japan und Indonesien gelten).
Nach einem Tag wusste ich, wie Shanghai funktionierte. Das meiste war auch auf Englisch ausgeschrieben und Zahlen waren sowieso gleich.
Allerdings brauchte es für die Erkundung der Stadt auf eigene Faust etwas Vorbereitung, denn alle Google- und facebook-basierten Apps wie Google Maps, Google, ChatGPT oder WhatsApp funktionierten in China nicht. Maps brauchte ewig zum Laden und zeigte die Straßen sehr verschoben und teilweise mit falschen Namen an, was für die Orientierung in einer Stadt nicht hilfreich ist. Google-Suche oder ChatGPT funktionierten in China gar nicht. Auf WhatsApp konnte man zwar Nachrichten senden und empfangen aber keine Bilder anschauen.
Also lud ich mir im Vorfeld Amap für die Orientierung in der Stadt und im ÖPNV runter. Baidu installierte ich auf dem Browser als Standardsuchmaschine für spontane Google-Suchen unterwegs und DeepSeek als chinesisches Pendant zu ChatGPT. Alipay als Bezahlmittel durfte natürlich auch nicht fehlen. Hier musste ich noch meine Kreditkarte hinterlegen, über die am Ende alles abgerechnet wurde. Damit in China auch alles reibungslos funktionierte und meine Roaminggebühren nicht explodierten, brauchte ich auch noch eine chinesische Sim-Karte. Aber erstmal musste ich mein Handy wieder finden, das war am Flughafen nämlich plötzlich weg und es fiel mir erst auf, als ich den Ankunftsterminal bereits verlassen, mit der Flughafenmetro zum Hauptterminal gefahren war und eine Gesundheitskontrolle passiert hatte. Die nächste Station wäre die Passkontrolle gewesen, aber um die zu passieren, musste man online erstmal einen Fragebogen ausfüllen und dafür brauchte man das Handy. Ich vermutete, mein Handy im Flugzeug vergessen zu haben und wollte zum Lost & Found. Aber dafür musste ich erstmal durch die Passkontrolle. Ich klagte dem erstbesten Sicherheitsbediensteten mein Leid. „Hast Du keine Freunde?!“ fragte er mich. Doch, aber nicht hier. Hm. Er zögerte, nahm dann sein Handy, scannte den QR-Code und meinen Pass und füllte den Fragebogen für mich notdürftig aus. Dann führte er mich an den langen Schlangen vorbei zu einem Sonder-Schalter der Polizei, wo ich mein Problem noch einmal erklären musste. Die Beamtin blätterte in meinem Pass vor und wieder zurück und wieder vor, begutachtete mein abgelaufenes russisches Visum und die Stempel aus Neuseeland und Shanghai und setzte schließlich ihren Stempel dazu. Nachdem ich abermals meine Fingerabdrücke abgegeben und mein Gesicht gescannt hatte, durfte ich chinesischen Boden betreten.
Am Lost & Found erklärte man mir, dass dies nur die Fundstelle für am Flughafen verloren gegangene Gegenstände war. Wenn ich mein Handy im Flugzeug verloren hatte, müsste ich zum Schalter der Airline gehen. Der wäre bei der Gepäckausgabe. Die hatte ich allerdings inklusive Sicherheitscheck und Zoll bereits passiert. Wir kam ich nun wieder dahin zurück?
Der Mann führte mich zu einer Zwischentür, die sich als Abkürzung zur Gepäckausgabe herausstellte. Ich musste mein Handgepäck und mich scannen lassen, dann durfte ich zur Gepäckausgabe. Ich fragte die Frau, die mich abgetastet hatte, noch, wo denn der Schalter der Airline sei. Die zuckte aber nur verständnislos mit den Schultern und wies in eine Richtung. Ach ja, es gab ja auch Leute, die kein Englisch konnten…
Schließlich fand ich mich in einem Büro für verloren gegangenes Gepäck von China Eastern Airlines wieder. Die Frau am Schalter rief das Bordpersonal des Flugzeugs an und meinte, man hätte tatsächlich ein Handy gefunden. Es würde allerdings 20 Minuten dauern, bis sie mir ein Foto davon zeigen könnte. Ich hatte ja Zeit, es war 6 Uhr morgens und mein Weiterflug nach Hamburg war erst nach Mitternacht geplant. Ich durfte auf dem Sofa in einem gemütlichen Warteraum Platz nehmen. Dann zeigte man mir auch schon ein Foto von meinem Handy. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich begann innerlich schon meinen Tag in Shanghai zu planen, während ich weitere 40 Minuten auf mein Handy warten musste.

Ich wollte mit dem Transrapid in die Stadt fahren. Dann hatte ich mir schon ein paar schöne Sehenswürdigkeiten ausgesucht. Außerdem wollte ich mit einem Hop-on-Hop-off-Bus fahren und mir die Stadt anschauen, während ich der Stimme des Guides lauschte, die etwas über die Stad erzählte.
DeepSeek erklärte mir, wo und wie ich ein Ticket für den Maglev – so heißt der Transrapid in Shanghai – kaufen konnte und gab mir noch den Tipp, dass ich sogar Rabatt bekäme, wenn ich meinen Boardingpass vorzeigte.
Das Ticket war mit umgerechnet 7€ für chinesische Verhältnisse ziemlich teuer und vielleicht auch die Erklärung, warum kaum jemand mit dem einzigen Transrapid der Welt, der als öffentliches Verkehrsmittel eingesetzt wurde, fuhr. Das erfuhr ich allerdings erst hinterher – auch dass der Transrapid nur 30 Km in die Stadt fuhr und dann wieder zurück zum Flughafen. Weitere Ausbaupläne für die Magnetschwebebahn scheiterten an den hohen Kosten. In China setzte man eher auf normale Hochgeschwindigkeitszüge, die auf der vorhandenen Gleis-Infrastruktur fahren konnten. Für den Transrapid musste man ein ganz neues Schienensystem umständlich auf Stelzen bauen. Auf dem weichen Sumpfboden Shanghais kein einfaches Unterfangen.
Der Transrapid sauste die knapp 30 Km mit einer Spitzengeschwindigkeit von 301 km/h in knapp 8 Minuten in die Stadt. Es fühlte sich ein wenig an wie fliegen und wir schwebten ja auch wirklich.
An der Longyang Road stieg ich aus und wechselte in die Metro, die mich weiter in die Innenstadt brachte.
Zum Glück hatte ich schon als Kind gelernt, mich mit dem ÖPNV durch Großstädte zu bewegen – sonst wäre ich in Shanghai ziemlich verloren gewesen. So aber war es ein Leichtes, mich im weit verzweigten Metronetz zurechtzufinden und die richtige Station ausfindig zu machen. Die hatte mir DeepSeek – mein KI-Stadtführer vorher schon verraten.
Dabei fiel mir auf: So unterschiedlich Städte auch sind, ihre ÖPNV-Systeme funktionieren immer ähnlich. Überall gibt es durchnummerierte Linien in bunten Farben, Schilder am Bahnsteig, die die Richtung anzeigen, und im Zug Bandansagen, die zweisprachig (hier Chinesisch und Englisch) die nächste Haltestelle verkünden. Dazu noch Monitore, die denselben Job übernehmen. Man könnte fast meinen, die Metro-Designer weltweit haben heimlich denselben Bauplan aus dem Schrank geholt. Das macht die Orientierung in den Städten aber auch extrem einfach – egal ob man gerade in München, Paris, Shanghai oder Auckland unterwegs ist.
Der Ticketkauf am Automaten funktionierte mit Alipay reibungslos, hätte aber auch mit Kreditkarte geklappt.

Am People´s Square erblickte ich zwischen den Wolkenkratzern das Tageslicht. Hier begann auch de Nanjing Road, die wohl bekannteste Einkaufsstraße Shanghais und gleichzeitig meistbesuchte Fußgängerzone der Welt. In ihren Bann gezogen, ließ ich die Hop-on-Hop-off-Busse links liegen und folgte ihr erstmal ein Stück. Wo sich in Deutschland Geschäfte für Mode, Spielzeug oder Elektroartikel aneinander reihten, drängten sich in Shanghai statt einzelner themenbezogener Geschäfte ganze themenbezogene Einkaufszentren dicht an dicht. Als Europäerin, die staunend alle paar Meter für ein Foto stehen blieb und noch dazu eine große Kamera um den Hals trug, stand mir der Touristenstatus förmlich auf die Stirn geschrieben und ich wurde umzingelt von Leuten, die mir Bilder von teuren Designerhandtaschen zeigten und mich in eines der Gebäude ziehen wollten. Obwohl ich nicht genau wusste, was diese Leute von mir wollten, ahnte ich nichts Gutes und ließ sie stehen. Wenn ich ein Foto machen wollte, versuchte ich immer in Sichtweite eines Polizisten stehen zu bleiben, so konnte ich mir etwas Ruhe verschaffen. Erst später fand ich heraus, dass man versuchte, mich zum Kauf gefälschter Markenartikel in irgendwelchen dubiosen Hinterstübchen überreden wollte.

Ich ging wieder zurück zum People´s Square und kaufte mir auf Anraten meines digitalen Guides ein Tagesticket für den Touristenbus. Der war erstaunlich leer. Vom Oberdeck hatte ich schöne Aussicht auf die Häuser. Der Bus zog an Wohnhäusern vorbei, an denen die Wäsche vor dem Fenster in luftiger Höhe auf einem Wäscheständer trocknete. Manchmal konnte ich auch einen Blick in die Innenhöfe erhaschen, in denen es erstaunlich chaotisch und manchmal auch schmutzig aussah. Im Gegensatz zu den schillernden Einkaufsstraßen wirkten diese Häuser etwas trist und fast schon ärmlich. Beim Anblick dieser Wohnviertel fragte ich mich, wie die Chinesen sich all die teuren Designermarkenprodukte, die überall angeboten wurden und die neuen Autos, die das Straßenbild prägten, leisten konnten.
Auf den Straßen war es durch die E-Autos sehr ruhig – nur das Hupen der E-Roller, die auf sich aufmerksam machen wollten, war zu hören.
Am Yuyuan Bazar stieg ich aus. Die traditionellen Bauten mit ihren geschwungenen Dächern und ihren aufwändig geschnitzten Holzverzierungen hatten mich in ihren Bann gezogen. Ich fand mich plötzlich in engen Gassen wieder. Es wimmelte nur so von Menschen und es roch nach Essen. Kein Wunder, denn dieses Viertel war eigentlich ein Einkaufszentrum für Essen. Hier gab es Fleischspieße, Hühnerfüße, Suppen und alles, was das chinesische Feinschmeckerherz höher schlagen ließ. Vom Hinweg hatte ich noch 20 chinesische Yuan in bar, die mir die Spanierin gegeben hatte, als ich ihr Essen mit meiner Kreditkarte bezahlt hatte. Die wollte ich erstmal loswerden. Damit war die Auswahl etwas eingeschränkt, denn die meisten Leckereien waren hier für 30-35 Yuan zu haben. Umgerechnet 3,70-4,50€.

Als ich die Bilder auf der chinesischen Speisekarte eines Restaurants studierte und versuchte, die Preise herauszufinden, wurde mir auch schon ein einlaminiertes Blatt in die Hand gedrückt. Ich gab der Frau zu verstehen, dass ich nur 20 Yuan hatte. Sie zeigte mir daraufhin die Gerichte, die dafür zur Auswahl standen und ich entschied mich für eine Wantansuppe. Ich tauschte Geld gegen einen Zettel mit einer Nummer und bekam einen Platz zugewiesen. Dann hieß es erstmal warten. Ich wusste noch nicht so richtig, wie ich erkennen sollte, dass es meine Nummer ist. Die Schreibweise der Zahlen war in China zwar gleich, die Aussprache natürlich nicht. Als eine Frau mit einer Schüssel auf dem Tablett mehrmals irgendwas rief und niemand reagierte, hielt ich ihr meinen Zettel hin und siehe da, es war meine Suppe. Die Brühe schmeckte – wie alles, was ich in Shanghai aß, erstaunlich unsalzig. Die Teigtaschen waren lecker. Und nein, ich musste die Suppe weder trinken noch mit Stäbchen essen, ich bekam einen chinesischen Suppenlöffel.

Mit vollem Magen ging es wieder zum Bus und weiter in das Finanzviertel von Shanghai. Ich wollte die Wolkenkratzer mal aus nächster Nähe betrachten. Als ich auf der ringförmigen Fußgängerbrücke stand und auf den Kreisverkehr hinunterblickte, den sie umschloss, fiel mir die Detailverliebtheit der Stadt auf. Die Insel des Kreisverkehrs war nicht nur mit aufwändig zu Blüten und Delfinen zurechtgestutzten Büschen und zahlreichen ornamentartig angepflanzten Blumen geschmückt, auch an der Brücke (und allen anderen Bücken und Straßen in der Stadt) hingen Blumenkästen dicht an dicht nebeneinander, die mit tausenden Blumen bepflanzt waren. Die Stadtgärtnerei musste hier sehr viel Personal haben um all die Kästen zu bepflanzen, die Skulpturen zu beschneiden und Beete zu pflegen.
Überall war es auch sehr sauber. Kein einziger Zigarettenstummel oder Pappbecher lag auf der Straße. In den Shoppingcentern glänzte der Marmorboden und fiel doch mal jemandem ein Taschentuch aus der Tasche, wurde dies gleich von einer herbeieilenden Reinigungskraft aufgesammelt.
Im Finanzviertel war es kalt und ich musste lange auf den nächsten Bus warten während der Wind durch die Gassen pfiff. Außerdem war ich müde und es wurde langsam spät. Trotzdem wollte ich zumindest noch die Route zu den Tempeln fahren – reine Fahrtzeit 60 Min.
Ich bereute, diese Route nicht als erstes gefahren zu sein, denn den buddhistischen Tempel mit seinen vergoldeten Löwen hätte ich gerne auch von innen gesehen – ebenso wie das Shanghai Exhibition Center. Das kommt dann wohl beim nächsten Mal dran.
Trotz der ständigen Überwachung wirkten die Chinesen unbeschwert. Pärchen liefen händchenhaltend durch die Straßen und küssten sich, Menschen standen in Gruppen zusammen, unterhielten sich und lachten. Obwohl die Polizei allgegenwärtig war, schienen die Chinesen fest mit ihrem Handy verbunden. Vom Oberdeck des Doppeldeckers konnte ich sehen, wie Auto- und Rollerfahrer an der roten Ampel Handyspiele spielten oder Nachrichten beantworteten – teilweise sogar auch während der Fahrt. Ich wunderte mich, dass ich trotz des dichten Verkehrs bei dem Fahrverhalten keinen Unfall sah.
Außerdem fiel mir auf, dass viele Menschen eine echte Vorliebe für niedliche Accessoires haben: Plüschtiere am Rucksack, Handyhüllen mit Ohren, übergroße Hüllen, die an alte Handyknochen erinnern, und Mützen mit Katzenohren. Es wirkte, als ob sie das Leben nicht ganz so ernst und schwer nähmen, wie viele Deutsche es tun. Es wirkte eher lebendig, charmant und unbeschwert – als würden sie die kleinen, bunten Freuden des Lebens genießen und Persönlichkeit, Freude und Kreativität auf diese Weise auszudrücken.
Insgesamt hatte ich einen sehr positiven Eindruck von Shanghai. Sauber, sicher, geordnet, leise und gleichzeitig wuselig und sehr anders als Deutschland.
Nachdem ich nun weiß, wie man sich in der digitalen Parallelwelt Chinas zurechtfindet und erfahren habe, dass man auch ohne Chinesischkenntnisse klarkommt, ist mein Interesse für dieses Land deutlich gewachsen und ich habe auf jeden Fall Lust, irgendwann nochmal länger nach China zu reisen und auch das Hinterland anzuschauen und auf jeden Fall Fleischspieße und Hühnerbeine zu probieren.
Mehr Fotos von Shanghai gibt es übrigens hier.