Neuseeland 2026

Januar 20, 2026 Aus Von Elsa

Der Norden der Nordinsel

Das Jahr beginnt für mich am anderen Ende der Welt. Um 16:30 Uhr steige ich am 1. Januar 2026 in Auckland aus dem Flugzeug. Mir schlägt warme Luft entgegen. Der Polizist, der meinen Ausweis kontrolliert, fragt mich nach meinen Plänen in Neuseeland: 3 Monate mit dem Camper durchs Land reisen. „Have fun!“ sagt er und drückt mir meinen Pass in die Hand.


Als ich im Zentrum Aucklands aussteige, höre ich Vogelgezwitscher. Auf der sechsspurigen Straße sind kaum Autos unterwegs und Menschen sehe ich auch kaum welche. Ist das hier normal? Frage ich mich. Ja, im Sommer, besonders zwischen Weihnachten und Neujahr ist die Stadt wie ausgestorben, da alle im Umland Urlaub machen. Verständlich. Auckland ist wirklich keine schöne Stadt. Das sehr überschaubare Stadtzentrum besteht fast ausschließlich aus Hochhäusern. Die vereinzelten alten Häuser gehen zwischen den Wolkenkratzern fast unter.
Mein erster Stopp sind die Waipu Caves. Eine Höhle in einer Bilderbuch-Hügel-Landschaft. Die Höhle ist unspektakulär. Dafür ist der Wald, der sie umgibt, umso schöner. Ein richtiger Urwald mit mehreren Vegetationsebenen. Bis zum Knie reichen kleinere Farne und Moose. Größere Farnpalmen, Palmen und Drachenbäume bilden mit ca. 5m Wuchshöhe die mittlere Schicht und Bäume bilden mit 20 und mehr Metern das Dach des Urwaldes. Überall singt, zwitschert und summt es. Es gibt Pflanzen, die auf Pflanzen wachsen und ich gehe fasziniert ein bisschen den Trampelpfad in den Urwald hinein.
Nach einem Tag im Museum und recht viel Fahrerei, ist mir nach Natur. Ich möchte unbedingt den neuseeländischen Urwald näher betrachten und mache eine Wanderung zu Dukes Nose bei Whangaroa. Nachdem ich meine Schuhe an der Desinfektionsstation von für Kauribäume potenziell tödlichen Bakterien befreit habe, führt der Weg steil bergauf durch den Wald, vorbei an Palmen, riesigen Farnen und Kauribäumen. Begleitet werde ich von einem fast ohrenbetäubend lauten Zirpen der Zikaden, die unsichtbar in den Büschen sitzen aber selbst den lauten Motor des Autos und die Musik beim Fahren übertönen.
Am Abend komme ich mit einem deutschen Paar beim Abwaschen ins Gespräch, als Gabi sich dazu gesellt und sich in breitem Schwäbisch dem Gespräch anschließt.
Weil es in der weitläufigen Dünenlandschaft zwischen freilaufenden Hühnern und Pferden so schön ist, bleibe ich noch eine weitere Nacht auf dem Platz und fahre dann weiter nach Norden zum Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt der Nordinsel.
Dort erwarte ich Touristenrummel, überfüllte Parkplätze, viele Leute, Cafés und Souveniershops – wie man das von einem Touristenhotspot aus Europa gewohnt ist.
Die Straße schlängelte sich auf den Hügeln entlang und gab zwischendurch atemberaubende Aussichten auf das türkis-blaue Meer frei. Ich fühlte mich ein bisschen wie auf dem Dach der Welt. Die Autos wurden immer weniger. Als ich auf dem Parkplatz ankomme, finde ich noch eine Menge freier Plätze. Der Ausweichparkplatz wird trotz Hochsaison nicht benötigt. Es gibt eine Toilette. Cafés, Souveniershops – Fehlanzeige. Ein kleiner Leuchtturm thront eine halbe Stunde Fußweg vom Parkplatz entfernt auf einer Klippe hoch über dem Meer.
Der Blick schweift über grüne Hügel, einsame Buchten mit goldgelbem Sandstrand zu riesigen Sanddünen am Horizont, die ein wenig an Sahara erinnern. Unten immer das türkisblaue Meer.
Neben dem Leuchtturm ein Wegweiser, der viele Destinationen in unterschiedlichen Richtungen anzeigt und mich darauf aufmerksam macht, dass der Südpol mit 6211 km fast um die Ecke ist – London mit 18029 km hingegen unvorstellbar weit weg.
Nach einer kurzen Wanderung in den Giant Sand-Dunes – der neuseeländischen Sahara, geht es ab jetzt erstmal nur noch nach Süden. Die Nacht verbringe ich an einem liebevoll hergerichteten Campingplatz bei den Wairere Boulders. Der kleine Naturlehrpfad entlang eines Flussbetts mit riesigen runden Steinen, die aussehen, als hätten Riesen damit gespielt, ist wirklich sehenswert und führt über Stock und Stein durch ein Dickicht aus Palmen, Farnen und Kauribäumen begleitet von Zikaden-Zirpen und Vogelgezwitscher.
Besonders beeindruckend waren die uralten Kauribäume etwas weiter südlich im Waipoua Forest. Es sind die ältesten des Landes. Tane Mahuta (Vater des Waldes) ist mit mehr als 50m Höhe der größte Baum Neuseelands. Sein Stamm ist mit 4,5m Durchmessern unfassbar dick. Eigentlich sieht man nur Stamm. Die Krone verschwindet irgendwo im Dickicht der anderen Bäume, die daneben aber winzig aussehen. Etwas weiter der ebenso dicke, aber aufgrund eines Sturmschadens weniger Hohe Te Matua Ngahere und mit 3000 – 4000 Jahren der älteste Baum Neuseelands. Was er wohl alles erlebt hat, in seinem Baumleben?
Nach ca. 9 Tagen erreiche ich wieder den Speckgürtel von Auckland. In Muriwai Beach beobachtete ich tausende Basstölpel bei der Aufzucht ihres Nachwuchses. Dass diese Vögel sich auf so engem Raum (ca. 2-3 Nester pro m²) wohlfühlen, wo es doch unendlich viel Platz gibt, ist mir ein Rätsel. Die weißen Vögel mit ihren gelben Köpfen und blauen Augen bleiben ein Leben lang zusammen und ziehen jedes Jahr ein Junges groß. Sie bleiben abwechselnd beim Nachwuchs, während der andere auf Nahrungssuche geht. Wenn der Ausflügler wieder kommt, gibt es erstmal eine lautstarke Begrüßung, bei der die Schnäbel aneinander gerieben werden. Dann wird sich gegenseitig erstmal ausgiebig geputzt.
Piha Beach, nur 4 Km weiter südlich an der Küste, aber mit dem Auto 1 Std. Fahrt und 50 km entfernt, ist ein kleines idyllisches Dorf in einer Bucht mit hohen Klippen und Felsen mit Traumstrand. An den steilen Hängen sind Häuser. Es erinnert mich ein wenig an das Treppenviertel von Hamburg-Blankenese  – man hat bestimmt einen schönen Blick auf das Meer – Sonnenuntergangspanorama garantiert. In einem Restaurant gönnte ich mir Fish & Chips, das neuseeländische Nationalgericht zum Abendbrot. Es war ein besonderes Restaurant mit Blick über den Fluss. Jeden Abend um 19 Uhr wurde hier alles unterbrochen: Gespräche, Billadrspile, Kochen, Essen: Es wurde ein Lied gespielt und ein Spruch gesprochen und an die gefallenen Soldaten Neuseelands gedacht. Danach ging das leben weiter. Ich mache eine Wanderung entlang der Klippen und genieße die Ausblicke auf das tiefblaue Meer unter mir und die einsamen Strände.

Der Südwesten der Nordinsel

Von Piha Beach geht es einmal quer durch Auckland nach Raglan. Von Auckland bis Hamilton ist Autobahn – diese zu fahren, macht mit meinem alten Bus, der nur drei Gänge zu haben scheint, keinen Spaß. Bereits bei 80 km/h klingt der Motor sehr gequält und der Spritverbrauch steigt enorm in die Höhe (>15l/100 Km). Also hänge ich mich hinter einen LKW und bleibe auf der linken Spur. Unterwegs sehe ich eine weitere Kuriosität: ein Fahrradstreifen auf der Autobahn. Fahrradfahrer habe ich allerdings keine gesehen – mit dem Fahrrad auf der Autobahn, selbst wenn die erlaubte Höchstgeschwindigkeit nur 100 km/h ist, was einer deutschen Landstraße entspricht – würde ich auch nicht machen.
Immerhin ging es schnell voran. Auch auf den Landstraßen ist die erlaubte Höchstgeschwindigkeit 100 km/h. diese zu erreichen ist aber meistens unmöglich. Die Straßen sind oft sehr kurvig, gehen bergauf und bergab über die Hügel, wie eine Achterbahn. Das Lenkrad steht selten gerade aus, man kommt aus dem Lenken oft gar nicht heraus und die Durschnittsgeschwindigkeit liegt bei ca. 50 km/h.
Raglan ist ein kleiner Ort mit einem Traumhaften Strand, einer Art Fjord und als Surfer-Mekka bekannt. Statt einem Brett leihe ich mir doch ein Kajak, denn ich wollte die Limestones – schöne Felsformationen auf der anderen Seite des Fjords ansehen. Da ich aus versicherungsrechtlichen Gründen alleine jedoch kein Kajak mieten darf, muss ich mich einer geführten Tour anschließen. Als wir in die Boote steigen wollen, prasselt ein Regenschauer auf unser herab und die Familie, die mit mir noch die Tour gebucht hatte, sprang ab. So war ich plötzlich mit der Guidin alleine. 10 Min später hörte auch der Regen auf und wir paddelten bei strahlendem Sonnenschein auf die andere Seite zu den Felsen. Paralell zum Ufer ging es zwischen Felssäulen hindurch in kleinere Höhlen. Ich lernte, dass es einen Baum gibt, der im Sommer orangene Früchte bildet, die für den Menschen giftig aber für Vögel essbar sind – wenn auch nicht wirklich bekömmlich. Die Vögel brauchen so lange, die Früchte zu verdauen, dass sie in ihrem Verdauungssystem zu gären beginnen, bevor sie ausgeschieden werden. Durch den sich bildenden Alkohol werden die Vögel dann betrunken und können nicht mehr fliegen, geschweige denn geradeaus laufen. Es gibt wohl sogar eine Auffang-Station, in der die betrunkenen Vögel ausnüchtern können.
Raglan begeistert mich mit einem ganz besonderen Vibe. In der einzigen Hauptstraße reiht sich ein Café an das nächste. Die Menschen sitzen auf den Terrassen und lachen, Reggae-Musik schallt durch die Straßen und es herrscht gute Stimmung.
Am nächsten Tag regnete es und ich nutzte die Zeit, um in einer Bibliothek bei kostenlosem WLAN und Strom ein Fährticket für nächste Woche zu buchen. Der Typ bei der Autovermietung sagte zwar schon, dass es besser wäre, 3-4 Wochen im Voraus zu buchen, wenn ich nicht eine Nachtfahrt zu unchristlicher Zeit haben wollte. Aber ich wollte mir etwas Flexibilität erhalten und lieber nur eine Woche im Voraus buchen, was sich als fataler Fehler herausstellte, denn die nächste verfügbare Überfahrt war Ende Februar, einen Monat später als eigentlich geplant. Ich blätterte zwischen den Tagen hin und her, verglich die Fährlinien und hängte mich in die Warteschleife am Telefon um nach spontanen Stornierungen zu fragen. Noch während ich in der Warteschleife hing, sah ich plötzlich ein Ticket für den 23.1., nur einen Tag später, als ich eigentlich fahren wollte. Ungeachtet des Preises schlug ich zu und buchte gleich noch ein Ticket für die Rückfahrt, denn ich wollte ja nicht auf der Südinsel stecken bleiben…
Weiter geht´s zu den Waitomo Caves, die für ihre Glühwürmchen bekannt sind, die tatsächlich wie Sterne bläulich an der Höhlendecke funkeln. Mit einem Boot gleiten wir lautlos auf dem Fluss, der durch die Höhle fließt dahin. Sprechen dürfen wir nicht, um die leuchtenden Insekten nicht zu stören. Diese Glühwürmchen sind jedoch keine Glühwürmchen, wie wir sie in Europa kennen. Es ist die Larve einer Motte, die gerne an Felsüberhängen hängt und klebrige Fäden nach unten hängen lässt. Mit ihrem blau-weißen Licht möchte sie Insekten anziehen, in der Hoffnung, dass diese sich in den klebrigen Fäden verfangen. Wenn es irgendwo wackelt, zieht die Larve den entsprechenden Faden nach oben zu sich und verspeist, was daran hängen geblieben ist.
Auf dem Weg zur Küste halte ich noch bei der Mangapohue Natural Bridge, einer riesigen Natur-Brücke aus Fels an. Wahrscheinlich dem Überbleibsel einer Höhle, die vor vielen Tausend Jahren eingestürzt ist. Wie Piripiri Cave ein paar Kilometer weiter ist eher unspektakulär. Schöner hingegen die Marokopa Falls, ein Wasserfall mit mehreren Stufen mitten im Urwald.
Nach ca. 30 Km Schotterpiste durch eine Bilderbuch-Hügellandschaft und endlosen Weiden, auf denen Schafe und Rinder grasten und ein glückliches Leben genossen, kam ich bei den Three Sisters an. Drei Fels-Säulen vor einer Steilküste, die nur bei Ebbe zu erreichen waren. Leider stimmte der neuseeländische Tidenkalender nicht, den ich mir extra herausgesucht habe. Als ich dies bemerkte, war es fast schon zu spät, aber ich schaffte es gerade noch rechtzeitig zu den Felsformationen, die tatsächlich aussahen, wie drei Nonnen im Wasser. Daher wohl auch der Name „The Three Sisters“.
Die nächste Wanderung wäre eigentlich nur wenige Autominuten entfernt gewesen, wäre da nicht eine Straßensperrung, die mich zu 200 km Umweg zwang. Das bedeutete 5 Std. Fahrt über den legendären Forgotten World Highway. Eine schmale Straße, teilweise nur einspurig, die sich zwischen den steilen Hügeln entlang wand. Teilweise mit spektakulären Aussichten auf die beiden Vulkane Mount Taranaki und Tongariro. Auf dieser Straße war ungewöhnlich viel Verkehr, was die Fahrt zu einer echten Herausforderung machte, da nicht überall zwei Autos locker nebeneinander passten. Ich war froh, dass Sonntag war und keine großen LKWs unterwegs waren. Die Straßenabbrüche und Unterspülungen, bei denen nur eine Seite der Straße befahrbar war, weil die andere abgebrochen war, war nicht sonderlich vertrauensförderlich. Ich war froh, endlich in Stratford, am Fuß des Mount Tongariro anzukommen, fuhr jedoch gleich weiter, da mir die Atmosphäre in diesem Geisterort überhaupt nicht gefiel. In New Plymouth fand ich schließlich einen schönen Platz mit Seeblick und Windschatten für die Nacht. Außerdem schien dort die Sonne, während sich in Stratford die Wolken vor dem 2500m hohen Mount Taranaki aufstauten. Das ließ mich auch meine Wanderpläne ändern, denn ich wollte die Aussicht auf den schönen Vulkan und das Meer genießen und nicht im nasskalten Wolkennebel festhängen. Daher bestieg ich den Berg vom Norden bis zu seiner Hochebene auf 1200m. Der Weg bestand ausschließlich aus Stufen über die man die 700 Höhenmeter erklomm. Von oben hatte man eine atemberaubende Aussicht auf den Vulkan, dessen Gipfel sogar sichtbar war – ein wohl eher seltenes Ereignis, denn normalerweise hängt der Gipfel immer in den Wolken.