{"id":223,"date":"2019-07-05T21:05:02","date_gmt":"2019-07-05T19:05:02","guid":{"rendered":"http:\/\/nordlichtblog.de\/?p=223"},"modified":"2020-09-13T22:34:54","modified_gmt":"2020-09-13T20:34:54","slug":"wohnungssuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nordlichtblog.de\/?p=223","title":{"rendered":"Wohnungssuche"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#000000\">Wie alle Menschen m\u00f6chten auch Menschen mit Behinderung gerne in  ihren eigenen vier W\u00e4nden leben. Gerne in einem gr\u00fcnen, ruhigen  Stadtteil, in einer sch\u00f6nen Wohnung oder sogar auf dem Land. Leider ist  die Wohnungssuche in fast allen gr\u00f6\u00dferen deutschen St\u00e4dten schwierig.  Bezahlbarer Wohnraum wird immer weniger, was die Wahlfreiheit des  Wohnortes schon stark eingrenzt. F\u00fcr Menschen mit Behinderungen kommen  noch einige H\u00fcrden dazu. Viele denken bei Menschen mit Behinderung im  Zusammenhang mit Wohnung als erstes an Rollstuhlfahrer, die eine  barrierefreie Wohnung brauchen.<br>Von den Menschen, die ich im Alltag begleite, sitzt niemand im  Rollstuhl, sie sind sogar ziemlich gut zu fu\u00df. Ist doch super, mag man  jetzt denken, die k\u00f6nnen doch in jede Wohnung ziehen. Nein. Nehmen wir  Paul. Er ist 20 Jahre alt, hat eine Lernbehinderung und bisher in  Einrichtungen der Jugendhilfe gewohnt. Nun muss er dort ausziehen, weil  er zu alt ist. Paul arbeitet in einer Werkstatt f\u00fcr Menschen mit  Behinderung, wo er 150,00\u20ac im Monat verdient. Dazu erh\u00e4lt er 416,00\u20ac  Grundsicherung vom Staat und die Kosten f\u00fcr eine angemessene Wohnung.  Paul ist ein ruhiger Zeitgenosse. Wenn er nachmittags von der Arbeit  kommt, geht er einkaufen, erledigt die anfallenden Aufgaben im Haushalt  und verbringt seine Freizeit mit Freunden, Fernsehen oder PC-Spielen. Zu  anderen Menschen ist Paul stets freundlich und zugewandt.<br>Die Wohnungssuche gestaltet sich f\u00fcr Paul sehr schwierig. Die Miete  kann er nicht aus eigenen Mitteln bestreiten, die bezahlt die  Grundsicherung f\u00fcr ihn. Die bezahlt aber keine Schloss und keine Loft  sondern eine angemessene Wohnung. F\u00fcr eine Person in einer  Schleswig-Holsteinischen Gro\u00dfstadt bedeutet das konkret: Maximal 50m\u00b2  f\u00fcr 374,00\u20ac. Mit dieser Summe m\u00fcssen die Kaltmiete und die kalten  Nebenkosten bereits abgedeckt sein. Warmwasser und Heizkosten werden von  der Grundsicherung gesondert \u00fcbernommen, Strom muss Paul aus eigener  Tasche bezahlen. Wer selbst zur Miete wohnt, wei\u00df, dass 374,00\u20ac f\u00fcr eine  Wohnung nicht viel sind. Wer ein Eigenheim besitzt, kann sich mit einem  Blick in den aktuellen Mietspiegel einen \u00dcberblick \u00fcber die Lage  verschaffen. Die Mieten, die von der Grundsicherung \u00fcbernommen werden,  variieren in den St\u00e4dten, d.h. in teureren St\u00e4dten wie z.B. M\u00fcnchen oder  Hamburg werden auch h\u00f6here Mieten \u00fcbernommen, aber es bleibt \u00fcberall  gleich: die Anzahl der in Frage kommenden Wohnungen schrumpft auf eine  \u00fcberschaubare Anzahl.<br>Gemeinsam mit seiner Betreuerin sucht Paul im Internet nach einer  Wohnung. Es f\u00e4llt ihm schwer, die Angaben zu verstehen. Was hei\u00dft  Kaltmiete? Was ist mit Warmmiete gemeint? Manchmal sind die Kosten nicht  ganz eindeutig ausgeschrieben und es geht aus der Anzeige nicht hervor,  ob die Wasserkosten bereits in der Miete enthalten sind oder ob ein  extra Vertrag f\u00fcr Wasser geschlossen werden muss. Die Betreuerin hilft  Paul durch den Dschungel der vielen Angaben. Endlich hat Paul eine  sch\u00f6ne 1-Zimmer-Wohnung gefunden. Die Bruttokaltmiete liegt mit 365,00\u20ac  innerhalb des Satzes und die Wohnung lockt in der Internetanzeige mit  neuem Laminat, Einbauk\u00fcche, Badewanne und sogar Balkon. Sie befindet  sich im 4. Stock eines 10 geschossigen Betonklotzes in einem sog. sozial  benachteiligten Stadtteil am Stadtrand. Die Busanbindung in die  Innenstadt ist gut und auch Gesch\u00e4fte und \u00c4rzte gibt es in fu\u00dfl\u00e4ufiger  N\u00e4he. Eigentlich w\u00fcrde Paul lieber in der Innenstadt wohnen, wo die Wege  kurz sind, doch dort sind die Wohnungen f\u00fcr Paul unbezahlbar. Paul  vereinbart bei der Hausverwaltung einen Besichtigungstermin.<br>Als er gemeinsam mit seiner Betreuerin zur Wohnung f\u00e4hrt, wartet dort  bereits eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe Menschen, die sich alle f\u00fcr diese Wohnung  interessieren. Paul z\u00e4hlt 30 Menschen. Macht nichts, denkt er und sieht  sich die Wohnung an. Sie h\u00e4lt, was sie im Internet versprochen hat:  helle R\u00e4ume, sch\u00f6ne, neue Fu\u00dfb\u00f6den in Holzoptik, eine bescheidene aber  gepflegte Einbauk\u00fcche mit Ceran-Kochfeld, ein schlichtes, wei\u00dfgefliestes  Badezimmer und ein Balkon mit sch\u00f6nem Ausblick ins Gr\u00fcne. Paul gibt dem  freundlichen Herren von der Hausverwaltung seinen Selbstauskunftsbogen,  auf dem er sorgf\u00e4ltig seine Daten und seine Eink\u00fcnfte aufgeschrieben  hat. Au\u00dferdem hat er den Grundsicherungsbescheid sowie die letzten drei  Gehaltsabrechnungen beigelegt. Nun hei\u00dft es Daumen dr\u00fccken, hoffen und  warten.<br>W\u00fcrde Paul eine Zusage bekommen, m\u00fcsste er zun\u00e4chst ein  Wohnungsangebot der Hausverwaltung mit einer detaillierten Auflistung  der Kosten an das Grundsicherungsamt schicken. Die Grundsicherung muss  dem Wohnungsangebot und der damit verbundenen \u00dcbernahme der Miete erst  zustimmen, bevor Paul den Mietvertrag unterschreiben kann.Nach 2 Wochen hat Paul noch nichts geh\u00f6rt. Gemeinsam mit seiner  Betreuerin ruft er bei der Hausverwaltung an und fragt nach. Leider  wurde die Wohnung an eine andere Person vergeben, da Pauls Eink\u00fcnfte zu gering sind. Wohnungen werden nur an Menschen vergeben, deren Eink\u00fcnfte  drei Mal so hoch sind, wie die Miete. Pauls Eink\u00fcnfte betragen 566,00\u20ac.  F\u00fcr die Wohnung, die er besichtigt hat, m\u00fcsste er 1095,00\u20ac an  monatlichem Einkommen haben. Dass die Miete bei Paul von der  Grundsicherung \u00fcbernommen wird, die die Miete zuverl\u00e4ssiger als mancher Mieter bezahlt, interessiert die Hausverwaltung nicht. Die Miete sollte maximal 30% des Einkommens betragen.Die Suche geht weiter, aber Paul muss sehr lange suchen. Schlie\u00dflich  bekommt er \u00fcber einen Verein, der Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt  anmietet und an Menschen mit Behinderung untervermietet, ein Zimmer in  einer WG. Das Zimmer geh\u00f6rt zu einer 2-Zimmer-Wohnung, die er sich mit  einem Mitbewohner, der ebenfalls ambulant betreut wird, teilt. Die  Wohnung liegt im gleichen Viertel, in dem sich Paul auch schon die  Wohnung angeschaut hat. Im Haus leben viele \u00e4ltere Menschen, Menschen  mit Migrationshintergrund, Langzeitarbeitslose und Menschen mit  Behinderung und unterschiedlichen Assistenzbedarfen. Kontakt zu Menschen  ohne Behinderung aus einkommensst\u00e4rkeren Verh\u00e4ltnissen hat Paul kaum.  Diese Menschen leben in anderen Vierteln. Paul lebt in seiner Wohnung  also wieder unter seinesgleichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie alle Menschen m\u00f6chten auch Menschen mit Behinderung gerne in ihren eigenen vier W\u00e4nden leben. 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