{"id":72,"date":"2020-03-18T23:12:00","date_gmt":"2020-03-18T22:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nordlichtblog.de\/?p=72"},"modified":"2020-03-25T22:43:13","modified_gmt":"2020-03-25T21:43:13","slug":"reise-zum-baikalsee","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nordlichtblog.de\/?p=72","title":{"rendered":"Reise zum Baikalsee"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"color:#000000\" class=\"has-text-color\">Im Sommer letzten Jahres rief mich eine russische Freundin an und  erz\u00e4hlte, dass sie eine Reise zum Baikalsee plant, ob ich Lust h\u00e4tte  mitzukommen? Ich sagte zu und flog Ende Februar von Berlin \u00fcber Moskau  nach Irkutsk. <br>Das Russland-Feeling  begann schon im Flugzeug, wo uns der Pilot zun\u00e4chst auf Russisch  begr\u00fc\u00dfte und im Anschluss seinen Text so schnell und undeutlich auf  Englisch herunterratterte, dass wir kein Wort verstanden.<br>In  Moskau hatten wir sieben Stunden Aufenthalt und Zeit uns etwas  kennenzulernen. Wir waren f\u00fcnf Frauen (Jana, Jana, Ute, Manu und ich)  zwischen 30 und 60 aus unterschiedlichen Gegenden Deutschlands, die auf  unterschiedlichen Wegen zu dieser Reise gekommen waren. Einige kannten  auch meine Freundin, andere waren Aufrufen f\u00fcr die Reise in sozialen  Netzwerken gefolgt. <br>Am Abend  verlie\u00dfen wir Moskau. Die Stadt funkelte unter uns im gelblichen Schein  und die Stra\u00dfen zogen sich wie helle Adern, in denen der Nachtverkehr  pulsierte, durch die Stadt.<br>Langsam  lie\u00dfen wir die Metropole hinter uns, die Lichter wurden weniger und  irgendwann sah man nur noch vereinzelt den hellen Fleck eines kleinen  Dorfes.<br>Um 8:00 Uhr morgens kamen  wir nach etwas mehr als Stunden Flug, p\u00fcnktlich zum Sonnenaufgang, in  Irkutsk an. Olja, unsere russische Reiseleiterin und Dima, der, im  Gegensatz zu Olja, Deutsch sprach, holten uns vom Flughafen ab. Im  Hostel trafen wir dann auf den Rest der Gruppe: Ivan aus Moskau, Thomas  aus Deutschland und unsere beiden russischen Fahrer. <br>Nach  einem ausgiebigen Fr\u00fchst\u00fcck im Hostel machten wir einen kleinen  Spaziergang durch Irkutsk. Die Stra\u00dfen waren von Holzh\u00e4usern ges\u00e4umt,  die im Laufe der Zeit etwas abgesackt waren und teilweise schief  standen. Die Fenster waren von sch\u00f6n geschnitzten, bunten Holzl\u00e4den  umrahmt. Diese Bauweise ist f\u00fcr russische St\u00e4dte \u00fcblich, allerdings hat  jede Stadt ihre eigenen Muster, sodass sich an den Schnitzereien der  Fensterl\u00e4den die Stadt erkennen l\u00e4sst.<br>Zwischen  den grau-bunten Holzh\u00e4usern standen wei\u00dfe Kirchen mit gr\u00fcn-goldenen  Zwiebelt\u00fcrmen. Innen waren die Kirchen mit goldlastigen Gem\u00e4lden und  Ikonen geschm\u00fcckt und je n\u00e4her wir dem Zentrum kamen, desto mehr wurden  auch die Steinh\u00e4user, die von der Bauweise an unseren barocken Baustil  erinnerten.<br>Wir luden unser Gep\u00e4ck  in einen Gel\u00e4ndewagen und stiegen in einen grauen Kleinbus, in dem uns  unser Fahrer die n\u00e4chsten Tage herumfahren w\u00fcrde. Gegen Nachmittag  erreichten wir ein Dorf und hielten vor einem Holzhaus, in dem uns eine  Frau empfing. Auf ihrem Holzofen hatte sie uns ein k\u00f6stliches  Mittagessen zubereitet. Es gab Suppe und Omul (den beliebtesten Fisch  aus dem Baikal) auf Kartoffelbrei. Nach dem Essen fuhren wir auf die  andere Seite des Dorfes, wo uns eine weite Frau mit ihrem Sohn erwartete  und uns \u00fcber ihre Schlittenhundefarm f\u00fchrte. Sie zeigte uns ihre Tiere \u2013  stolze Malamuts mit dickem Winterfell, die in ihren K\u00e4figen darauf  warteten, uns auf den Schlitten durch den Schnee ziehen zu d\u00fcrfen.<br>Auf  einem selbst gebauten Hundeschlitten, bestehend aus einem Paar  Langlaufski, Haltegriff, Bremse und Beifahrersitz konnten wir nun hinter  dem vorausfahrenden Auto mit dem Hundeschlitten fahren. Auf Russisch  wurde uns erkl\u00e4rt, wie man den Schlitten lenkt: Die Bremse immer halten  und erst beim Losfahren l\u00f6sen. Zum Rechtslenken das Gewicht nach rechts  verlagern, zum Linkslenken nach Links. Dima \u00fcbersetzte die auf Deutsch,  dann hie\u00df es Mutige voraus. Die Hunde waren voller Bewegungsdrang,  mussten unterwegs aber manchmal ihre Rangordnung klarstellen und fielen  \u00fcbereinander her, ohne auf den Schlitten, den sie hinter sich herzogen,  R\u00fccksicht zu nehmen. Dies war f\u00fcr die unge\u00fcbten Fahrer nicht ganz  einfach und so brauchten wir einige Zeit, bis eine vertr\u00e4gliche  Hundekombination gefunden war. Schlie\u00dflich kam ich an die Reihe. Ich  stellte mich auf die Bremse, nahm eine stabile K\u00f6rperhaltung ein und gab  der Fahrerin das Go. Das Auto fuhr los, ich l\u00f6ste die Bremse und die  Hunde jagten dem Auto hinterher, immer weiter nach rechts Richtung  Tiefschnee. Da wollte ich nicht hin und lehnte mich nach links, was die  Hunde nur wenig interessierte. Schlie\u00dflich verlor ich das Gleichgewicht,  der Schlitten kippte um und ich fiel auf die Schneestra\u00dfe. Die Hunde  liefen einfach weiter, bis das Auto stoppte und die Frau den Schlitten  wieder auf die Kufen stellte. Beim zweiten Versuch war es etwas  einfacher, da ich lernte, mein Gewicht zu verlagern, ohne den Schlitten  aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diesmal merkten auch die Hunde meine  Gewichtsverlagerung und steuerten nach Links um auf der pr\u00e4parierten  Schneestra\u00dfe zu bleiben. Nach 2 Km Teststrecke ging den anfangs so  eifrigen Hunden die Puste aus und ich musste den Schlitten bremsen, um  die Hunde nicht zu \u00fcberfahren. <br>Nachdem  alle mit dem Schlitten gefahren waren, fuhren wir weiter Richtung  Baikalsee. Als wir unsere Unterkunft erreichten, war es bereits dunkel  geworden. Eine Frau empfing uns in einem mit B\u00e4renfellen und  pr\u00e4parierten Hirschk\u00f6pfen geschm\u00fcckten Wohnzimmer eines Blockhauses. Im  Kamin knisterte ein Feuer und wir bezogen unser Nachtlager. F\u00fcr unsere  11-K\u00f6pfige Gruppe gab es 3 Zimmer und wir fielen nach der langen Reise  und den 7 Stunden Zeitverschiebung todm\u00fcde ins Bett. <br>Am  n\u00e4chsten Morgen schien die Sonne. Aus dem Fenster sah man \u00fcber die  Holzh\u00e4user des Dorfes auf die unendliche Eisfl\u00e4che des Baikalsees. Zum  Fr\u00fchst\u00fcck gab es Omelette mit Speck, K\u00e4se und Paprika, Pfannkuchen mit  s\u00fc\u00dfer Kondensmilch, K\u00e4se, Marmelade, Brot und Obst. <br>Unten  am See wartete bereits unser Luftkissenboot, mit dem wir ca. 75 Km auf  dem Eis nach Nordosten fuhren oder besser drifteten. Richtig geradeaus  fahren konnten wir mit diesem Gef\u00e4hrt nicht, da es auf Kurven nur sehr  verlangsamt reagierte und dann oft seitw\u00e4rts driftete. Der Fahrer kannte  aber sein Gef\u00e4hrt und wusste damit umzugehen. Unterwegs hielten wir  immer wieder an und bestaunten das bis zu 1m dicke, schwarze Eis, das  von vielen wei\u00dfen Rissen durchzogen war. Immer wieder passierten wir  Bereiche mit vielen Eisschollen, die entstanden, wenn zwei gro\u00dfe  Eisfl\u00e4chen aufeinander trafen. Dann splitterte das Eis an den R\u00e4ndern  und die mannshohen, t\u00fcrkiesblauen Eisschollen t\u00fcrmten sich in gro\u00dfen  Bergen auf. Mit dem Boot, und sp\u00e4ter auch mit dem Auto, mussten wir dann  Stellen suchen, an denen die Schollen entweder klein genug waren oder  zur Seite ger\u00e4umt wurden, damit wir die Eisfl\u00e4chen \u00fcberqueren konnten.<br>Die  Mittagspause verbrachten wir auf den Eis, wo wir nach russischer  Tradition Samogon (selbstgebrannten Schnaps) tranken. Der Schnaps sollte  aus Gl\u00e4sern aus Eis getrunken werden, die jedoch schnell auftauten, als  wir den Alkohol einf\u00fcllten. So ergoss sich der wertvolle Tropfen auf  dem Eis. Viel zu schade, dachte Dima und begann den Schnaps vom blanken  Eis zu schl\u00fcrfen. Wir taten es ihm nach und es ergab sich ein lustiges  Bild, wie wir um die leckenden Schnapsgl\u00e4ser herum lagen und den Samogon  vom blanken Eis schleckten.<br>F\u00fcr den  richtigen Genuss hatten wir aber stabilere Trinkgef\u00e4\u00dfe dabei und es  gab, nach russischer Tradition ein Buffet mit Brot, diversen Aufstrichen  und eingelegtem Gem\u00fcse. <br>Nachmittags  erreichten wir ein Dorf, wo wir in einem unscheinbaren Haus zu Mittag  a\u00dfen. Wieder gab es eine reichhaltige Mahlzeit aus Suppe, Fisch, und  Kartoffelbrei. <br>Nach einem Besuch  des \u00f6rtlichen Plumpsklos, einer H\u00fctte mit einem Loch im Holzfu\u00dfboden,  \u00fcber das man sich kauern musste, wenn man sein Gesch\u00e4ft verrichten  wollte, fuhren wir mit dem Auto weiter. Unterwegs hielten wir noch bei  einem heiligen Platz, wo Olja eine Packung Reis opferte, damit die  Geister uns auf der Reise wohlgesonnen waren.<br>Im Dunkeln erreichten wir Ujuga, ein Feriendorf, in dem wir die n\u00e4chsten 3 N\u00e4chte verbrachten.<br>Der  n\u00e4chste Morgen begann wieder mit einem reichhaltigen Fr\u00fchst\u00fcck. Neben  Omelette und Pfannkuchen hatten wir auch noch die Wahl zwischen  Milchreis, Hafer- oder Hirsebrei. <br>Nach  dem Fr\u00fchst\u00fcck zogen wir mit Schlittschuhen los zum See. Leider waren  die Kufen meiner Schlittschuhe so stumpf, dass ich immer wegrutschte und  beschloss, das Eis mit meinen Wanderschuhen zu erkunden. Das Eis hatte  auch hier wieder viele Muster zu bieten: Mal gab es kleine dunkle  Flecken, die wie Quallen oder Einschussl\u00f6cher in das graublaue Eis  gemalt waren. An anderen Stellen waren kleine S\u00e4ulen aus tausenden  kleinen Luftbl\u00e4schen im t\u00fcrkiesgr\u00fcnen Eis eingefroren. Wir gingen  unserer Fotoleidenschaft nach, hielten die Muster im Eis fest und  machten allerlei Experimente mit unseren Kameras.<br>Nach  dem Mittagessen \u2013 es gab Suppe, Teigtaschen mit Fleisch-, Kohl- und  Kartoffelf\u00fcllung, Fleisch, Fischfrikadellen und Ofenkartoffeln \u2013 machten  wir eine Wanderung zu den nahegelegenen Inseln. An den Felsen waren die  Wellen gefroren und sahen aus, wie gefrorene Schlagsahne, die mit einem  gro\u00dfen L\u00f6ffel locker aufgetragen wurde. Von anderen Felsen hingen dicke  Eiszapfen, die an manchen Stellen schon zu Eiss\u00e4ulen geworden waren.<br>Die  Verst\u00e4ndigung auf der Reise verlief haupts\u00e4chlich auf Russisch und  Deutsch, manchmal auch etwas Englisch. Olja erz\u00e4hlte uns etwas auf  Russisch, Dima \u00fcbersetzte auf Deutsch. Am Nachmittag war Dima mit  einigen aus der Gruppe Funbuggy fahren, sodass wir uns auf Englisch  unterhalten mussten. Es stellte sich heraus, dass Oljas Englisch besser  war, als sie behauptete. Ich \u00fcbersetzte f\u00fcr die anderen, die nicht so  gut Englisch konnten, ins Deutsche und fungierte ab diesem Nachmittag  als zweite \u00dcbersetzerin.<br>Die  internationale Zusammensetzung der Gruppe in Verbindung mit der  Tatsache, dass niemand eine Fremdsprache flie\u00dfend konnte, machte die  Reise sehr lustig. Die Verst\u00e4ndigung war wie ein permanentes  Activity-Spiel. Es wurden W\u00f6rter umschrieben, pantomimisch oder mit  Stift auf Papier dargestellt. Wurde das Wort nicht erraten, zogen wir  unsere W\u00f6rterbuch-Apps heran. Manchmal verga\u00dfen wir aber auch, welche  Sprache wir gerade sprachen und es gab Sprachchaos. Dima sprach mit Olja  auf Deutsch, diese guckte ihn verst\u00e4ndnislos an und bat ihn, Russisch  zu sprechen. Dima sprach auf Deutsch weiter, bis ich ihn auf Deutsch  darauf aufmerksam machte, dass er mit Olja gerade in der falschen  Sprache spricht. Aber auch ich ertappte mich manchmal dabei, wie ich mit  meinen deutschen Reisepartnern englisch sprach, ohne es wirklich zu  merken. Die Worte kamen einfach in meinen Kopf und ich musste mich  anstrengen um nicht zwei Sprachen in einem Satz zu vermischen. Im Laufe  der Reise kamen auch meine Russischkenntnisse aus der Schule wieder zum  Vorschein. Ich verstand immer mehr Russisch und brauchte am Ende der  Reise keinen \u00dcbersetzer mehr. Nur zum Sprechen reichte es noch nicht.  Ich konnte auf Fragen nur einfache Antworten geben oder Englisch  sprechen, was aber nicht alle verstanden. <br>Am  n\u00e4chsten Tag holte uns unser Fahrer Ljoscha wieder ab und wir fuhren  auf die Insel Olchon. Ljoscha fuhr in z\u00fcgigem Tempo und nahm auf  Schlagl\u00f6cher oder Eisschollen nur wenig R\u00fccksicht. Er bremste kurz und  scharf ab, fuhr aber immer noch so schnell \u00fcber die Unebenheiten, sodass  sich die hinterste Bank auf der Achse in einen Schleudersitz  verwandelte und wir mit den K\u00f6pfen an die Decke stie\u00dfen. Um Beulen zu  vermeiden, hielten wir uns an den Vordersitzen fest und zogen den Kopf  ein, wenn Ljoscha scharf abbremste. Wie das Auto die vielen Schlagl\u00f6cher  unbeschadet \u00fcberstand, war f\u00fcr mich ein R\u00e4tsel. <br>Den  ersten Stopp legten wir bei einer Stupa, einem buddhistischen Bauwerk  auf der Insel Ogoi ein. Hier war es sehr touristisch. Im Uhrzeigersinn  liefen wir schweigend um den Tempel und hofften, dass unsere gedachten  W\u00fcnsche in Erf\u00fcllung gingen. <br>Wir  fuhren weiter zu entlegenen Inseln, deren Felsk\u00fcsten mit Eis in allen  Formen \u00fcberzogen war. Mal schien das Eis wie dicke, klebrige  Zuckerf\u00e4den, die aus dem See gezogen wurden, mal sah es aus wie  Zuckerguss, der den Stein hinunterlief. Die Felsh\u00f6hlen waren voll mit  bis zu 2 Meter langen Eiszapfen, die von der Decke hingen. <br>Unser  Mittagessen w\u00e4rmten wir auf dem Lagerfeuer. Zur Fischfrikadelle im  Kartoffelbett gab es frische Gurken und Tomaten, die in der K\u00e4lte binnen  weniger Minuten zu einem knackigen Eisgenuss wurden. <br>Am  Nachmittag erreichten wir den Schamanenfelsen, ein sch\u00f6ner, aber sehr  touristische Platz. Auf einem kargen Sandh\u00fcgel thronten die S\u00e4ulen der  Serge, Pf\u00e4hle aus Holz, die mit bunten B\u00e4ndern umwickelt waren und die  braun-wei\u00df-blaue Landschaft mit farbigem Leben erf\u00fcllten. Von den S\u00e4ulen  hatten wir einen sch\u00f6nen Blick auf die Schamanenfelsen, einen heiligen  Ort der Burjaten, der fr\u00fcher f\u00fcr Schamanenrituale genutzt wurde. <br>Am  Abend tranken wir russisches Bier und Wodka und tauschten deutsche und  russische Trinkspr\u00fcche und -rituale aus. Beide Nationen waren bekannt  f\u00fcr ihren Alkoholkonsum, wobei die Russen aber sehr erstaunt waren, als  wir Deutschen den Alkohol einfach so tranken, ohne etwas dazu zu essen.  In Russland ist es \u00fcblich, zum Alkohol immer etwas zu essen. <br>Am  n\u00e4chsten Tag \u00fcberquerten wir den Baikalsee. Wir luden unser Gep\u00e4ck in  Ljoschas Bus, h\u00e4ngten den Anh\u00e4nger, den Loscha in Ujuga deponiert hatte,  an und stiegen in einen UAZ-Buchanka ein gel\u00e4ndetauglicher Kleinbus,  den die Russen liebevoll Russisch Brot (nach seiner Kastenbrot-Form)  nannten. Unser neuer Fahrer hie\u00df Paul und konnte ein paar deutsche  W\u00f6rter: \u201eH\u00e4nde hoch\u201c und \u201eweiter fahren\u201c. Wir fuhren den Strand  hinunter, \u00fcber Eiswellen und Schollen auf den See. Nach ein paar Metern  auf dem Eis hielt Paul an und stieg aus. Ljoscha hatte beim \u00dcberqueren  der Eiswellen den Anh\u00e4nger verloren. Das verzogene Zugmaul der  Anh\u00e4ngerkupplung wurde mit ein paar Hammerschl\u00e4gen wieder  zurechtgebogen, der Anh\u00e4nger wieder angeh\u00e4ngt und weiter ging es. Der  bisher sehr gel\u00e4ndetaugliche Bus von Ljoscha war mit dem Schnee und Eis  auf dem See etwas \u00fcberfordert und wir mussten bei der \u00dcberquerung  mehrmals anhalten um den Bus aus Schneewehen oder unebenen Passagen aus  Eisschollen zu ziehen. Der Anh\u00e4nger litt auf der \u00dcberquerung etwas. Erst  brach eine Ecke des Planenaufbaus ein, dann die andere, bis wir ihn  schlie\u00dflich abbauten, bevor er ganz zusammenfiel.<br>Auf  unserer 150 Km langen Querung \u00fcber den See passierten wir riesige  Felder mit mannshohen Eisschollen, tranken aus einer Eisspalte frisches  Baikalwasser (kalt aber lecker) und machten mehrere Stopps um das sch\u00f6ne  Eis zu bestaunen. In Ust-Bargusin erreichten wir das Ostufer des Sees  und damit eine andere Welt: Burjatien. Hier sahen die Menschen sehr  asiatisch aus. Wir fuhren weiter auf die Halbinsel \u201eHeilige Nase\u201c und  \u00fcbernachteten bei Alexej und seiner Frau, die in einem einsamen Haus  mitten auf der Halbinsel wohnten. Den Strom erzeugten sie mit den  Solarpanelen, die sie am Haus angebracht hatten und wir mussten mit dem  Strom haushalten, damit er auch bis zum n\u00e4chsten Tag reichte. Das Essen  wurde auf dem Holzofen zubereitet. Es gab M\u00f6hrensalat, Suppe, frischen,  marinierten Fisch, Leber auf Buchweizen und zum Nachtisch dicke  Pfannkuchen mit s\u00fc\u00dfer Kondensmilch, die wie fl\u00fcssige wei\u00dfe Schokolade  schmeckte. Den Abend lie\u00dfen wir mit einem Bad in einer hei\u00dfen Quelle  ausklingen. Wir lagen bei -15\u00b0C in einem 38\u00b0C warmen Wasserloch mitten  im Moor und schauten in den unendlichen Sternenhimmel. Das Umziehen  drau\u00dfen war dabei weniger kalt als bef\u00fcrchtet und auch den  Schwefelgestank (wie faule Eier) hatten wir schnell ausgeblendet.<br>Am  n\u00e4chsten Tag holte uns Paul wieder ab und wir erkundeten die heilige  Nase. Wir kamen in ein Dorf mit bunten Holzh\u00e4usern. Auf der Stra\u00dfe  begr\u00fc\u00dften uns die f\u00fcr russische D\u00f6rfer typischen Stra\u00dfenhunde und wir  sahen einen Mann, der aus einem Loch im Eis Wasser in ein gro\u00dfes Fass  sch\u00f6pfte, das er mit dem Schlitten nach Hause zog. Die Mittagspause  verbrachten wir in einem Jurtendorf auf dem See. Die Jurten waren extra  f\u00fcr Eisfischer aufgestellt worden. F\u00fcr ein paar Rubel am Tag konnte man  sich eine Jurte mieten, am gem\u00fctlich warmen Holzofen sitzen und durch  ein Loch, das durch den Holzboden der Jurte und das Eis gebohrt war,  fischen. <br>Beim Abendessen fragten  wir uns, was Menschen eigentlich brauchen, um gl\u00fccklich zu sein. Die  Menschen, die hier in sehr einfachen Verh\u00e4ltnissen von dem lebten, was  die Natur hergab und deren Leben uns sehr schwer und m\u00fchsam erschien,  schienen irgendwie zufriedener und gl\u00fccklicher zu sein als wir, die  vermeintlich alles hatten. <br>Die  Nacht verbrachten wir, wie alle anderen N\u00e4chte auch, in einfachen  Mehrbettzimmern. Auch hier bollerte die Heizung munter vor sich hin und  kannte nur zwei Einstellungen: an oder aus. Wie sie sich regeln lie\u00df,  war uns aber nicht ganz klar, weshalb wir sie anlie\u00dfen und uns bei  gef\u00fchlten 26\u00b0C Raumtemperatur jede Nacht fast zu Tode schwitzten, bis  Dima mit uns im Zimmer schlief und, nach Russischer Art, einfach das  Fenster auf Kipp stellte. \u201eanders h\u00e4lt man das doch nicht aus!\u201c meinte  er. \u201eAber Heizung an, sch\u00f6n warm und frische Luft ist super!\u201c Das  wiedersprach dem deutschen Energiesparfuchs nat\u00fcrlich, war aber doch  ganz angenehm.<br>Am n\u00e4chsten Morgen  hie\u00df es wieder Sachen packen. Um 8:00 Uhr verlie\u00dfen wir bei -20\u00b0C die  Heilige Nase und fuhren nach Ulan-Ude. Unser Gep\u00e4ck hatten wir in den  Anh\u00e4nger geladen, mit einer Gewebeplane abgedeckt und mit mehreren  Spanngurten festgezurrt. Sobald die Stra\u00dfen asphaltiert waren, lies  Ljoscha das Gaspedal nicht mehr los und wir sausten so schnell \u00fcber die  Stra\u00dfen, dass der Anh\u00e4nger fast hinterherfliegen musste. <br>Nach  dem Mittagessen verabschiedeten wir uns von Ljoscha, der mit unserem  Gep\u00e4ck zur\u00fcck nach Irkutsk fuhr. Wir stiegen in einen komfortablen, sehr  ger\u00e4umigen Bus, mit dem uns unser neuer Fahrer in das Buddhistische  Kloster Iwolginski Dazan fuhr. Dort gingen wir wieder im Uhrzeigersinn  durch die Anlage. Im Norden der Anlage standen kleine, bunte Holzh\u00e4user,  in denen die Priester lebten. An den Wegen standen \u00fcberall  Gebetsm\u00fchlen. Im S\u00fcden der Anlage standen zahlreiche Tempel, die alle  sehr kunstvoll verziert waren. Jede, der vielen kleinen Holzleisten war  mit einem Muster angemalt. Die Tempel hatten alle eine quadratische  Grundfl\u00e4che und die D\u00e4cher liefen an den unteren Enden nach oben aus,  damit die b\u00f6sen Geister beim Hinunterrutschen des Dachs nicht auf dem  Boden landeten, sondern weiterflogen. Im Haupttempel sa\u00df der  mumifizierte Daschi-Dorscho Itigelows, der 70 Jahre nach seinem Tod aus  dem Grab gehoben wurde und nahezu ohne Verwesungserscheinungen auf einen  Thron in den Tempel gesetzt wurde, von dem aus er einen mit seinen  dumpfen Augen irgendwie mahnend anschaute. <br>Auf  dem Weg zur\u00fcck nach Ulan-Ude hielten wir wieder in einem Dorf an, wo  gesattelte Pferde f\u00fcr uns bereit standen. Kurz wurde uns erkl\u00e4rt, wie  wir die Pferde zu lenken hatten: leicht am linken Z\u00fcgel ziehen, wenn wir  nach links wollten, leicht am rechten Z\u00fcgel ziehen, wenn wir nach  rechts wollten und an beiden Z\u00fcgeln ziehen, wenn wir stehen bleiben  sollten. Mit einem leichten Schenkeldruck gaben wir den Pferden das  Zeichen, loszugehen. Im Schritt ritten wir durch das Dorf. Hinter den  hohen Bretterz\u00e4unen bellten die Hunde, was unsere Pferde aber zum Gl\u00fcck  nicht weiter st\u00f6rte. Der Schnee knirschte unter den Hufen der Pferde.  Obwohl ich fr\u00fcher einige Jahre geritten bin und mir der Pferder\u00fccken  wieder sehr vertraut vorkam, war ich doch etwas unsicher, da ich das  Pferd nicht kannte und merkte, dass es sich nicht mit allen Pferden aus  der Gruppe gut verstand. Au\u00dferdem hatten wir alle keinen Helm auf und  ich hatte wenig Lust, vom Pferd zu fallen. Trotzdem war es ein sch\u00f6ner  Ritt in der Abendstimmung. Die Sonne ging hinter den Bergen unter und  f\u00e4rbte den Himmel in alle erdenklichen Gelb- und Rott\u00f6ne. Mit gefrorenen  Zehen und schmerzenden Beinen kamen wir wieder beim Stall an und waren  froh, uns im warmen Auto mit dem restlichen Gl\u00fchwein vom Vortag  aufw\u00e4rmen zu k\u00f6nnen.<br>In Ulan-Ude  a\u00dfen wir in einem Restaurant zu Abend und lauschten einer Live-Band,  bevor wir zum Bahnhof aufbrachen und in letzter Minute unseren Nachtzug  erreichten, mit dem wir auf der Route der Transsibirischen Eisenbahn  zur\u00fcck nach Irkutsk fuhren. Wir hatten die einfachste Kategorie  (Holzklasse) gebucht, die sich aber als sehr komfortabel erwies. Alle  Fahrg\u00e4ste hatten ihre eigene Liege und wir bekamen eine Rollmatratze und  Bettw\u00e4sche f\u00fcr die Nacht. Auch hier bollerte die Heizung munter vor  sich hin und wir mussten erstmal unsere vielen Klamottenschichten  ablegen. Dann packte Olja den Samogon aus, der zur Tarnung in eine  Wasserflasche gef\u00fcllt war und aus Teegl\u00e4sern getrunken wurde, da der  Alkoholkonsum im Zug offiziell verboten war. Dazu gab es Ente, die  Alexej extra f\u00fcr uns geschossen hatte, und gebratenen Fisch. So sa\u00dfen  wir im Dunkeln (das Licht war inzwischen bis auf die Notbeleuchtung  abgeschaltet worden) und unterhielten uns fl\u00fcsternd, damit die anderen  Fahrg\u00e4ste schlafen konnten. R\u00fccksichtnahme wird in Russland noch sehr  gro\u00df geschrieben und so war es f\u00fcr uns selbstverst\u00e4ndlich, andere mit  unserem Verhalten nicht zu st\u00f6ren. <br>Um  7:00 Uhr morgens kamen wir in Irkutsk an. Ljoscha empfing uns am  Bahnhof und brachte uns in unser Hostel, wo wir uns kurz st\u00e4rkten, bevor  wir wieder Richtung Baikalsee aufbrachen, wo Thomas und Ivan Eistauchen  gingen, w\u00e4hrend die anderen auf dem Markt Souvenirs und Pinienkerne  kauften. <br>Nachmittags fuhren wir zu  einem Freilichtmuseum, wo das Ende der Masleniza (Butterwoche) gefeiert  wurde. Die Masleniza wird in Russland immer zum Ende des Winters und zu  Beginn der Fastenzeit gefeiert. F\u00fcr jeden Tag gibt es unterschiedliche  Br\u00e4uche und Rituale. Am Sonntag geht die Butterwoche zu Ende. Dieser Tag  wurde im Freilichtmuseum mit traditioneller Musik, gemeinsamen Ges\u00e4ngen  und Volkst\u00e4nzen gefeiert. Erg\u00e4nzend gab es Kunsthandwerk und Essen, vor  Allem Pfannkuchen, das traditionelle Gericht zur Maselniza. Zum Ende  des Tages versammelten sich alle um das Feuer, das bereits vorbereitet  war. Ein Mann ging mit einer Strohpuppe herum und bat alle, sich von  dieser zu verabschieden. Dann stellte er sie an den Feuerhaufen und  z\u00fcndete das Feuer an. <br>Langsam  z\u00fcngelten die Flammen die \u00c4ste hinauf und alle stimmten in einen  fr\u00f6hlichen Gesang. Die Flammen n\u00e4herten sich der Strohpuppe, der Stoff  des Kleides verf\u00e4rbte sich kurz schwarz, bevor er riss und das Stroh  freigab. Jetzt brannte die Puppe lichterloh und die Menschen jubelten \u2013  der harte Winter war jetzt zu Ende und der Fr\u00fchling konnte kommen. Es  herrschte eine freudige und ausgelassene Stimmung, die nicht ganz zu  meiner Stimmung passte, denn bei uns war nicht nur der Winter, sondern  auch die Reise vorbei.<br>Wir fuhren  zur\u00fcck nach Irkutsk in unser Hostel, wo wir uns von Olja verabschiedeten  f\u00fcr die letzte Nacht unsere Betten in einer Art Schlafregal bezogen.  Die sechs Betten waren wie in einem Regal angeordnet: oben drei und  unten drei. Jedes Bett war durch W\u00e4nde abgetrennt und mit einem Vorhang  vor neugierigen Blicken gesch\u00fctzt. Trotzdem gab es aber gen\u00fcgend Platz,  um sich umzuziehen. Einige fanden es beklemmend, in so einem kleinen  Raum zu schlafen, mich erinnerte es an das Bett in meinem Bus und ich  fand es sehr gem\u00fctlich. Den Abend lie\u00dfen wir in einem Restaurant  ausklingen, wo wir das letzte Mal russisch a\u00dfen und die Reise Revue  passieren lie\u00dfen.<br>F\u00fcr mich war die  Reise sehr intensiv, da es sehr viele Eindr\u00fccke in sehr kurzer Zeit  waren. Die internationale Zusammensetzung der Gruppe hatte nicht nur f\u00fcr  bessere V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und kulturellen Austausch sondern auch f\u00fcr  jede Menge Spa\u00df gesorgt und das Gehirn wurde mit den vielen Sprachen auf  Trab gehalten. <br>Die einfachen  Lebensverh\u00e4ltnisse und die damit verbundene Reduktion auf das  Wesentliche, die weiten Landschaften mit ihren sanften geschwungenen  verschneiten Bergen und das dicke Eis lie\u00dfen mich den Alltag in  Deutschland fast komplett vergessen. <br>In  Berlin war es zun\u00e4chst sehr irritierend, dass alle Deutsch sprachen.  Die Sicherheitshinweise zur Infektionsgefahr beim Corona-Virus wirkten  etwas bedrohlich und als ich zuhause meine leeren Vorr\u00e4te wieder  auff\u00fcllen wollte und im Supermarkt statt Nudeln und Reis nur leere  Regale vorfand, sehnte ich mich wieder in die einfache aber heile Welt  am Baikalsee zur\u00fcck. <br>Fotos von der Reise findet ihr <a href=\"http:\/\/nordlichtblog.de\/?page_id=24&amp;gallery=baikalreise-2020\">h<\/a><a href=\"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php\/nggallery\/baikalsee-2020\/baikalreise-2020?page_id=24\">ier <\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer letzten Jahres rief mich eine russische Freundin an und erz\u00e4hlte, dass sie eine Reise zum Baikalsee plant, ob ich Lust h\u00e4tte mitzukommen? 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