{"id":221,"date":"2015-10-18T20:46:00","date_gmt":"2015-10-18T18:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nordlichtblog.de\/?p=221"},"modified":"2020-09-13T22:54:24","modified_gmt":"2020-09-13T20:54:24","slug":"inklusive-verwahrung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nordlichtblog.de\/?p=221","title":{"rendered":"Inklusive Verwahrung"},"content":{"rendered":"\n<p>In den letzten Jahren habe ich in verschiedenen Einrichtungen mit  Menschen mit Behinderungen gearbeitet. Gerade in diesem Arbeitsfeld  kommt man als Sozialarbeiterin um den Begriff der Inklusion nicht herum:  Menschen mit Behinderungen sollen nicht in die Gesellschaft integriert,  werden, d.h. sich an unseren Lebensstil anpassen. Stattdessen soll die  Gesellschaft den Menschen mit Behinderungen entgegen kommen und ihnen so  ein Leben in der Gemeinschaft nach dem Lebensstil eines  nicht-behinderten Menschen erm\u00f6glichen.<br>Die Einrichtungen, in denen ich gearbeitet habe, haben den  Inklusionsgedanken sehr unterschiedlich umgesetzt. Die Eindr\u00fccke, die  ich bei der Umsetzung gewonnen habe, haben mich sehr nachdenklich  gestimmt.<br>Die Tr\u00e4ger der beiden Wohngruppen, die ich hier beispielhaft  beschreibe, unterst\u00fctzen und begleiten unter Ber\u00fccksichtigung der  individuellen F\u00e4higkeiten jeden einzelnen Menschen bei der Entwicklung  pers\u00f6nlicher Lebensperspektiven. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen  zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu bef\u00e4higen um  Chancengleichheit und Lebensqualit\u00e4t zu verbessern und  Selbstverantwortung zu st\u00e4rken.<br> Trotz Behinderung ein m\u00f6glich  eigenst\u00e4ndiges, selbstbestimmtes Leben f\u00fchren? Wunderbar! Da schauen wir  uns doch mal einen Tag in diesen Einrichtungen an:<br>Mit dem Fahrstuhl fahre ich in das Erdgeschoss des Wohnhauses, wo  mich eine Schar fr\u00f6hlicher Bewohner, die gerade aus der Werkstatt bzw.  der Tagesf\u00f6rderst\u00e4tte kommen, johlend begr\u00fc\u00dft. Einige heben die Hand zum  Gru\u00df, andere sehen mich nur von einem Ohr zum anderen grinsend an. Ein  paar wenige zeigen keine Reaktion. Weder auf meine Anwesenheit noch auf  das Gejohle der anderen. Sie blicken irgendwo ins Leere und scheinen in  sich versunken.<br>Nach einem Hallo in die Runde schiebe ich die ersten beiden Bewohner  in den Fahrstuhl und bringe sie auf Ihre Etage. Ich habe heute im 1. OG  Dienst und fange an, Kaffee zu kochen und den Tisch zu decken. Nach und  nach werden auch die anderen Bewohner nach oben gebracht. Fast alle  werden an den Tisch gesetzt. Nur eine Bewohnerin bleibt in ihrem Zimmer.  Sie wird \u00fcber eine Magensonde ern\u00e4hrt und kann nicht so lange sitzen,  da sie schnell R\u00fcckenschmerzen bekommt und schreit. Daher liegt sie viel  in ihrem Bett und h\u00f6rt Musik.<br>W\u00e4hrend der Kaffee kocht, ziehe ich den Bewohnern die Jacken aus und  lege ihnen einen Kleiderschutz um. Einige Ungeduldige zeigen auf die  Becher am Tisch und signalisieren mir mit Schmatzger\u00e4uschen und  Geschrei, dass sie Durst haben. Ich biete ihnen kalte Getr\u00e4nke an,  Kaffee ist jedoch das favorisierte Hei\u00dfgetr\u00e4nk. Also warten. Endlich ist  der Kaffee fertig und einigerma\u00dfen abgek\u00fchlt. Zun\u00e4chst versorge ich die  fittesten Bewohner: der einen klemme ich den Becher in eine Halterung,  die ich vor ihrer Brust anbringe. Ich stecke ihr den Strohhalm in den  Mund und sie beginnt zu trinken. Dem anderen klemme ich die Tasse  zwischen die Finger und stelle sie auf seinem Bauch ab, sodass er  mithilfe eines Strohhalms ebenfalls selbst\u00e4ndig trinken kann. Dann gehe  ich von einem Bewohner zum n\u00e4chsten und fl\u00f6\u00dfe ihnen mit einem  Schnabelbecher schluckweise Kaffee ein.<br>Drau\u00dfen scheint die Sonne. Eigentlich ein perfekter Tag, um mit den  Bewohnern in den Park zu gehen oder einen Stadtbummel zu machen. Doch  auch heute herrscht (wie fast jeden Tag) Personalmangel und von meinem  Kollegen noch keine Spur. Aber vielleicht hat ja sp\u00e4ter jemand Zeit. Ich  sehe die Dokumentation durch. Gut die H\u00e4lfte der Bewohner war schon  seit mehr als einem Monat nicht mehr drau\u00dfen. Au\u00dferdem m\u00fcssten drei  heute dringend mal wieder geduscht werden.<br>Nach ca. einer Stunde haben alle ihren Becher Kaffee getrunken. Die  Sonne scheint immer noch \u2013 von meinem Kollegen habe ich bisher nur einen  Schatten gesehen. Wahrscheinlich sitzt er mal wieder im B\u00fcro und  k\u00fcmmert sich dort um die liegengebliebene Arbeit. Teamleiter haben ja  bekanntlich immer etwas mehr zu tun. <br>Am liebsten w\u00fcrde ich mit den  Bewohnern die letzten Sonnenstrahlen genie\u00dfen. Aber wenn ich so in die  Runde blicke, sind nur zwei dank E-Rollstuhl in der Lage, selbst zu  fahren. Doch ob bei denen die Konzentration f\u00fcr einen ganzen Spaziergang  reicht, ist fraglich. Die anderen sechs Bewohner sitzen in sogenannten  Aktiv-Rollst\u00fchlen mit denen sie selbst fahren k\u00f6nnten, w\u00e4ren ihre Arme  nicht durch spastische L\u00e4hmungen unbrauchbar. Und wer k\u00fcmmert sich um  die Bewohner, w\u00e4hrend ich mit einem spazieren gehe?! <br>Also bleiben  wir heute drin. Ich krame den CD-Kasten durch und lege eine sch\u00f6ne CD  auf. Dann frage ich, ob jemand in sein Zimmer gebracht werden m\u00f6chte.  Keine Reaktion. Also biete ich ihnen weitere Getr\u00e4nke an und stelle den  Bewohnern simple Fragen, die sich mit Ja oder Nein bzw. mit \u201ea\u201c oder  \u201e\u2014\u201c beantworten lassen. Sehr schleppende Unterhaltung, die irgendwann  einschl\u00e4ft. Alle lauschen der Musik und starren ins Leere.<br>Nach weiteren 1,5 Stunden decke ich Abendbrot. Mittlerweile ist noch  eine Aushilfe gekommen. Ich halte einer Bewohnerin zuerst Frischk\u00e4se,  dann Brotsalat vor die Nase und versuche zu erkennen, was sie m\u00f6chte.  Keine Reaktion. Vielleicht K\u00e4se oder Zwiebelmett?! Sie grinst. Also  Zwiebelmett. Ich schneide das Toastbrot in kleine St\u00fccke und stecke ihr  eins nach dem anderen in den Mund. Mittlerweile ist mein Kollege auch  endlich aufgetaucht und wir reichen zu dritt das Abendbrot. Jeder einen  Bewohner links und rechts im Wechsel. <br>Anschlie\u00dfend werden die zu  duschenden Bewohner aufgeteilt (jeder einen) und um sp\u00e4testens 19:00 Uhr  geht es in die Versorgung: Nach dem Z\u00e4hneputzen hebe ich die schweren  Leute mittels Lifter aus dem Rollstuhl, die leichteren (bis 30 Kg) hebe  ich so, da das Liften so lange dauert. Dann hei\u00dft es ausziehen, (ggf.  duschen), waschen, frische Windel, Schlafanzug an, individuell lagern,  zudecken und das gew\u00fcnschte Fernsehprogramm raussuchen (besonders  beliebt sind Krimis und Musiksendungen). Dann zum n\u00e4chsten Bewohner. Um  21:30 Uhr habe ich mein Soll erf\u00fcllt: drei Bewohner liegen im Bett, um  den Rest haben sich meine Kollegen gek\u00fcmmert. Noch schnell Doku  schreiben (\u201eFr. M\u00fcller hat heute mit Assistenz Abendbrot zubereitet\u201c =  ich habe das Abendbrot zubereitet und Fr. M\u00fcller sa\u00df daneben und hat im  besten Fall zugeschaut), \u00dcbergabe und dann um 21:45 nach 7 Std. endlich  Feierabend.<br>So sieht ein Tag in der Wohngruppe aus. Im Haus wohnen ca. 20  schwerstbehinderte Menschen (alle mit \u00e4hnlich schweren Behinderungen)  auf drei Etagen verteilt. Der Alltag ist von chronischem Personalmangel  gekennzeichnet und verl\u00e4uft meistens so trist wie oben beschrieben.<br>In einer anderen Wohngruppe wohnen ebenfalls 7 Menschen. Alle haben  eine geistige Behinderung. Nur wenige sind an den Rollstuhl gebunden und  bis auf zwei k\u00f6nnen auch alle sprechen. Nur einer (nennen wir ihn Herrn  Meier), kann kaum laufen, nicht sprechen und auch nicht alleine essen.  Er \u00e4u\u00dfert keine W\u00fcnsche und reagiert auch nicht erkennbar auf Ansprache.  Vom Schweregrad der Behinderung also vergleichbar mit den Bewohnern aus  der obigen Wohngruppe.<br>Gegen 16:30 Uhr kommen die Bewohner von der Werkstatt in die  Wohngruppe. Nach einem gemeinsamen Kaffeetrinken, bei dem ich die  neuesten Geschichten aus dem Werkstattalltag zu h\u00f6ren bekomme, \u00fcberlegen  wir, wie wir den Nachmittag verbringen. Einige m\u00fcssen ihr Zimmer  aufr\u00e4umen, au\u00dferdem m\u00fcsste noch W\u00e4sche gelegt werden. <br>Ich gehe in  den Keller um die W\u00e4sche zu holen und dr\u00fccke einem Bewohner den  W\u00e4schekorb in die Hand, der die W\u00e4sche legt und auf die Zimmer bringt.<br>Eine andere Bewohnerin putzt mit Assistenz meines Kollegen ihr  Zimmer: Sie putzt, mein Kollege kontrolliert, ob sie auch wirklich alle  dreckigen Stellen sieht und zeigt ihr bei Bedarf, wo noch gesaugt werden  muss.<br>Zum Abendbrot soll es heute neben Brot auch W\u00fcrstchen, R\u00fchrei und  Salat geben. Ich hole die Zutaten aus der Speisekammer und bereite mit  zwei anderen Bewohnern das Abendbrot vor. Sie schnippeln die Zutaten f\u00fcr  den Salat, sp\u00e4ter braten sie unter meiner Aufsicht R\u00fchrei und  W\u00fcrstchen.<br>Die anderen Bewohner sitzen auf dem Sofa, bl\u00e4ttern in Zeitschriften  oder spielen Mensch \u00e4rger Dich nicht. Herr Meier liegt auf seinem  Sitzsack, knetet ein Handtuch und teilt mit lautem Lachen und Kreischen  allen seine gute Laune mit. <br>Beim Abendbrot reicht einer der anderen Bewohner Herrn Meier das Essen an.<br>Am Wochenende machen wir mit einigen einen Ausflug. Die 3  Rollstuhlfahrer werden abwechselnd von den anderen Bewohnern und den  Mitarbeitern geschoben.<br>Einige andere spielen mit ein paar Bewohnern aus den anderen Wohngruppen im \u00f6rtlichen Sportverein Handball.<br>Warum also nicht in jeder Wohngruppe solch eine bunte Mischung? \u201eDas  geht nicht, denn wir wollen unsere Bewohner so gut und individuell wie  m\u00f6glich f\u00f6rdern und das geht nur, wenn wie sie dem schweregrad der  Behinderung entsprechend in Wohngruppen sortieren\u201c lautete die Antwort  eines Mitarbeiters aus der erstgenannten Wohngruppe auf meine Frage. <br>Nat\u00fcrlich wird durch die homogene Zusammensetzung nicht so schnell  jemand bevorzugt. Jeder bekommt mal einen Stapel W\u00e4sche auf den Scho\u00df  und wird durch alle Zimmer geschoben, damit sp\u00e4ter in der Doku steht, er  habe mit Assistenz W\u00e4sche aufger\u00e4umt.<br>Ob Frau M\u00fcller in ihrer Wohngruppe mehr Ansprache hat, wenn man sich  doch gar nicht richtig mit ihr unterhalten kann, bleibt jedoch offen.  Mit Herrn Meier kann man sich zwar auch kein Gespr\u00e4ch f\u00fchren, und er  reagiert auch nur selten merklich auf Ansprache. Aber er wird von seinen  Mitbewohnern oft angesprochen und wenn eine Mitbewohnerin sich zu ihm  aufs Sofa setzt, ihn streichelt und ihm den Arm um die Schultern legt,  geht ein L\u00e4cheln \u00fcber Herrn Meiers Gesicht, er streckt den Arm aus und  zieht die Mitbewohnerin zu sich heran.<br>Ist das Leben in der Gemeinschaft, die Ansprache und Zuneigung durch  die anderen Mitbewohner und die vielen Ausfl\u00fcge f\u00fcr einen derart schwer  behinderten Menschen nicht wichtiger, als der zwanghafte Versuch, ihn in  die Gesellschaft einzugliedern und ihn zu einem m\u00f6glichst  selbstbestimmten, eigenst\u00e4ndigen Leben zu f\u00fchren, das der  gesellschaftlichen Vorstellung eines selbst\u00e4ndigen Lebens im eigenen  Wohnraum m\u00f6glichst nahe kommt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren habe ich in verschiedenen Einrichtungen mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet. 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