{"id":1654,"date":"2022-01-03T18:59:29","date_gmt":"2022-01-03T17:59:29","guid":{"rendered":"http:\/\/nordlichtblog.de\/?p=1654"},"modified":"2022-01-04T16:10:40","modified_gmt":"2022-01-04T15:10:40","slug":"la-gomera","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nordlichtblog.de\/?p=1654","title":{"rendered":"La Gomera"},"content":{"rendered":"\n<p>Resturlaub im November \u2013 in dieser Zeit ist das norddeutsche Schmuddelwetter ja nicht gerade einladend. Also lieber in den warmen S\u00fcden und bisschen Sonne auf La Gomera tanken. Doch zuerst ging es auf die Nachbarinsel Teneriffa, weil es auf La Gomera keinen internationalen Flughafen gab. Wir verlie\u00dfen Hamburg bei 4\u00b0C, Wind und Regen und landeten bei 25\u00b0C und Sonnenschein auf Teneriffa. Am Flughafen nahmen wir unseren Mietwagen entgegen, den wir \u00fcber die Website gomeralive.de gebucht hatten. Der Autovermieter kontrollierte unsere F\u00fchrerscheine, notierte sich unsere Kontaktdaten und reichte uns den Durchschlag des Formulars. \u201eWenn es Probleme gibt, da anrufen!\u201c sagte er und kreiste eine Telefonnummer auf der oberen rechten Ecke des Papiers ein. Dann f\u00fchrte er uns zum Parkplatz, \u00fcbergab uns den Autoschl\u00fcssel, erkl\u00e4rte uns den Umgang mit dem Parkticket und verabschiedete sich schlie\u00dflich.<br>Dann fuhren wir auf die Autobahn Richtung Westen nach Adeje, wo wir unser Hostel gebucht hatten. Der Host war \u00fcberrascht, dass wir zu zweit waren, er hatte nur meine Freundin in seinem Buchungssystem. Es stellte sich heraus, dass das Hostel sein Buchungssystem gewechselt hatte und nicht alle Buchungen vom alten auf das neue System \u00fcbertragen wurden. Jetzt war das Hostel voll und der Host geriet sichtlich ins Schwitzen. Wir suchten gemeinsam nach einer L\u00f6sung: auf der Terrasse schlafen war nicht m\u00f6glich, eine zus\u00e4tzliche Matratze hatte er nicht. Schlie\u00dflich r\u00e4umte er uns sein Bett frei und verbrachte die Nacht auf dem Sofa, w\u00e4hrend ich im Personalzimmer schlafen durfte.<br>Abends erkundeten wir die Umgebung. Adeje war eine Touristenhochburg und bestand nur aus Hotels f\u00fcr Pauschalreisende. Am Strand reihten sich Restaurants und Souvenierl\u00e4den aneinander. Alles war grell erleuchtet und im Hintergrund blinkten bunte Lichtergirlanden an den H\u00e4usern. Ein paar Menschen schlenderten \u00fcber die Promenade, in den Restaurants warteten zahlreiche leere St\u00fchle und Tische darauf, besetzt zu werden und Kellner versuchten uns in ihre Restaurants zu locken. Ich war einerseits geschockt von dem Anblick dieser grellen Konsumwelt fand es andererseits aber auch spannend in diese mir so fremde Welt einzutauchen und das Treiben zu beobachten.<br>Als wir am n\u00e4chsten Morgen die F\u00e4hre nach La Gomera nahmen, war ich froh, dieser, mich an Massentierhaltungsk\u00e4fige erinnernde Hotelstadt den R\u00fccken zu kehren.<br>Wir kamen in San Sebastian, einer kleinen Hafenstadt mit bunten H\u00e4uschen im Osten La Gomeras an. Nachdem wir uns mit Mojo-Sauce, Chorizo, K\u00e4se und Kartoffeln und anderen Leckereien eingedeckt hatten, brachen wir Richtung Westen auf. Die Stra\u00dfe f\u00fchrte auf eine Bergkette zu. Die kargen Felsh\u00e4nge waren mit Feigenkakteen, Agaven und anderen Steingartengew\u00e4chsen bewachsen. Die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel und wir fuhren immer tiefer in die Berge hinein. Schlie\u00dflich f\u00fchrte die Stra\u00dfe durch einen Tunnel, der uns in eine andere Welt f\u00fchrte. Auf der anderen Seite war die Sonne verschwunden. Nebelschwaden hingen in den B\u00e4umen. Die Stra\u00dfe f\u00fchrte durch einen verwunschenen Urwald, dessen B\u00e4ume ihre \u00c4ste \u00fcber die Stra\u00dfe breiteten und einen Tunnel bildeten. Die Stra\u00dfe f\u00fchrte in zahlreichen Kurven immer weiter bergauf. Schlie\u00dflich wurden die Wolken lichter und gaben den Blick auf das Tal frei. An einem Aussichtspunkt hielten wir an um unser Mittagessen zu genie\u00dfen. Als wir die Autot\u00fcr \u00f6ffneten, wehte uns k\u00fchler Wind entgegen. Auf 1000m waren die Temperaturen eher fr\u00fchlingshaft. Aber in der Sonne lie\u00df es sich aushalten. Auf der schmalen, kurvigen Stra\u00dfe ging es weiter durch den Lorbeerwald nach Westen. Schlie\u00dflich \u00f6ffnete sich der Wald und die Stra\u00dfe f\u00fchrte durch ein verschlafenes kleines Dorf in eine karge Felslandschaft, die an den Grand Canyon in den USA erinnerte. Die Stra\u00dfe schl\u00e4ngelte sich in Serpentinen durch mehrere D\u00f6rfer nach unten. Je n\u00e4her wir dem Meeresspiegel kamen, desto gr\u00fcner wurde die Vegetation. Auf den angelegten Terrassen wuchsen Bananenpalmen, Orangen-, Zitronen- und Mango- und Papayab\u00e4ume, Kartoffeln, Paprika und Chilis. Die H\u00e4user wurden von gro\u00dfen kanarischen Dattelpalmen \u00fcberschattet. Das Tal wirkte im Gegensatz zur kargen Felslandschaft weiter oben prunkvoll und fruchtbar und machte dem Namen Valle gran Rey (Tal des gro\u00dfen K\u00f6nigs) alle Ehre.<br>Unser Appartement befand sich im 1. Stock eines rotgestrichenen Terrassenhauses in Vueltas \u2013 einem urigen Hafendorf im Valle gran Rey. Die meist autofreien Stra\u00dfen und Gassen waren mit bunten Blumen und Str\u00e4uchern bepflanzt. Boutiquen und Galerien luden zum Shoppen ein, im Hafenbecken d\u00fcmpelten bunte Fischerboote neben Segelyachten und kleinen Ausflugsdampfern und ein Badestrandbot Gelegenheit zum Verweilen und Schwimmen ein. Es roch nach gebratenem Knoblauch<br>Unser Appartement war spartanisch eingerichtet, hatte aber alles, was wir brauchten. Von der gro\u00dfz\u00fcgigen Dachterrasse mit gro\u00dfer Auswahl an Sitzm\u00f6beln konnten wir \u00fcber den kleinen Hafen aufs Meer schauen.<br>Auf den Stra\u00dfen h\u00f6rte man viel Deutsch. Es waren viele deutsche Touristen da, aber auch viele Deutsche, die einst nach La Gomera ausgewandert waren. Die Insel ist auch bekannt als \u201eInsel der Beknackten\u201c, weil in den 70er Jahren ein paar Hippies dorthin ausgewandert waren. Sie wollten der Konsumwelt den R\u00fccken kehren und ihr Lebensgl\u00fcck in H\u00f6hlen auf Gomera versuchen. Einige von ihnen leben immer noch in Felsh\u00f6hlen an der K\u00fcste. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Deutsche nach Gomera, er\u00f6ffneten Gesch\u00e4fte, Bars oder Restaurants (mit teilweise deutschen Namen) oder publizierten ein Satire-Magazin (Valle-Bote) \u2013 nat\u00fcrlich auf Deutsch. In den Superm\u00e4rkten stapelten sich neben kanarischer Mojo-Sauce, Chorizos, Palmenhonig, Bananen und Avocados Brechbohnen aus der Dose von Gut &amp; G\u00fcnstig, Wienerw\u00fcrstchen im Glas von ja!, das gesamte Sortiment an Sauren Gurken, das Deutschland zu bieten hat und dosenweise Sauerkraut. Au\u00dferdem erinnerten Lebkuchen und Spekulatius an das bevorstehende Weihnachtsfest. Es gab eine deutsche B\u00e4ckerei und viele der deutschen Auswanderer schienen nur rudiment\u00e4r Spanisch zu sprechen. F\u00fcr uns als Touristen, die nur wenig Spanisch konnten, war es praktisch, f\u00fcr die Auswanderer aber eigentlich ein Armutszeugnis. Erwarten wir nicht von den Zuwanderern, dass sie unsere Sprache lernen und sich mit unserer Kultur auseinandersetzen? Finden wir es nicht befremdlich, wenn wir in einigen Stadtvierteln auf der Stra\u00dfe kaum noch Deutsch h\u00f6ren und die Schriftz\u00fcge an den L\u00e4den nicht lesen k\u00f6nnen? Ja, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir uns manchmal wirklich aufregen. Valle gran Rey auf La Gomera zeigt aber, dass wir als Zuwanderer in einem anderen Land nicht besser sind und die gleichen Subkulturen aufbauen und leben, die wir bei den Zuwanderern in Deutschland kritisieren.<\/p>\n\n\n\n<h2>Wanderung durch den Lorbeerwald<\/h2>\n\n\n\n<p>Die erste Wanderung ging in den Lorbeerwald. Vom Parkplatz an der Stra\u00dfe f\u00fchrte ein Weg \u00fcber eine Treppe aus knorrigen \u00c4sten in den Wald hinein, der in dieser H\u00f6he aus einem Dickicht aus Strauchb\u00e4umen bestand. Sie erinnerten mich von der Wuchsform her an \u00fcberdimensional gro\u00dfes Heidekraut, weshalb ich sie Heidekrautbaum nannte. Ich kam mir vor, wie ein Zwerg in einer Heidelandschaft. Bei meinen sp\u00e4teren Recherchen f\u00fcr diesen Bericht, fand ich heraus, dass mein Heidekrautbaum tats\u00e4chlich mit dem Heidekraut verwandt ist und offiziell Baumheide hei\u00dft.<br>Je tiefer wir in den Wald hinab stiegen, desto gr\u00f6\u00dfer wurden die B\u00e4ume. Die Baumst\u00e4mme waren von dickem Moos und Flechten bewachsen. Flechten h\u00e4tte ich in diesen Breiten eher weniger vermutet, da diese Gew\u00e4chse f\u00fcr mich eher tundra- und taigatypisch sind und damit eher in die n\u00f6rdlichen Breiten denn in \u00c4quatorn\u00e4he geh\u00f6ren. Aber offensichtlich f\u00fchlen sich diese Pflanzen auch in w\u00e4rmeren Gegenden wohl. Inzwischen waren wir wirklich im Lorbeerwald angekommen. Gro\u00dfe Lorbeer- Avocado- und Eukalyptusb\u00e4ume wuchsen hier.<br>Ein Bach pl\u00e4tscherte neben dem Weg vor sich hin. Gro\u00dfe Farne s\u00e4umten das Bachbett. Pl\u00f6tzlich wurde es dunkler. Nebelschwaden zogen durch die Baumkronen und packten den Wald in Watte. Die Stimmung wurde mystisch und der Wald wirkte mit seinen Lianen, die von den knorrigen B\u00e4umen hingen und dem dichten Farn im Unterholz wie ein Zauberwald. Ab und zu zwitscherte ein Kanarienvogel aus den Kronen in die Stille. Ansonsten h\u00f6rten wir nur das leise Pl\u00e4tschern und Gurgeln des Bachs.<br>Als wir auf einer Bank Mittagspause machten, kam die Sonne heraus und sendete ihre Strahlen durch den Nebel. Jetzt war die Zauberstimmung perfekt. Es fehlten nur noch Elfen&nbsp; und Trolle, die im Lichtkegel der Sonnenstrahlen erschienen und zu uns sprachen. Der Weg f\u00fchrte an verlassenen und verfallenen H\u00e4usern vorbei in ein kleines Dorf. In den G\u00e4rten entdeckte ich neben Kartoffel- und Paprikapflanzen einige weitere bekannte Gew\u00e4chse, die ich zuhause in Miniaturform im Blumentopf z\u00fcchtete. Hier war der Ficus ein gro\u00dfer Baum, der seine \u00c4ste \u00fcber die Terrasse eines Hauses breitete und Schatten spendete. In den G\u00e4rten bl\u00fchten Geranien und Drillingsblumen in satten Farben. Wir genossen unseren Kaffee auf der Terrasse eines kleinen Restaurants, bevor wir den Aufstieg durch die unterschiedlichen Vegetationszonen zur\u00fcck zum Auto antraten.<\/p>\n\n\n\n<h2>Agulo<\/h2>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag fuhren wir nach Agulo, ein kleines Dorf im Norden der Insel. Agulo lag auf einem kleinen H\u00fcgel am Fu\u00dfe einer fast senkrecht aufragenden Felswand. Unser Wanderziel war eine Hochebene aus roter Erde. Um diese zu erreichen, mussten wir zun\u00e4chst die steile Wand erklimmen. Der Weg f\u00fchrte durch Terrassen auf denen die Dorfbewohner Bananen, Kartoffeln und Paprika anbauten. Am Wegesrand bl\u00fchten pr\u00e4chtige Weihnachtssterne in gro\u00dfen Str\u00e4uchern, Hibiskus und Drillingsblumen.<br>Schlie\u00dflich hatten wir die Felswand erreicht. Der Weg schraubte sich in engem Zickzack die Wand hinauf und war nur an sehr exponierten Stellen mit einem Gel\u00e4nder gesichert. Man sollte schon trittsicher und schwindelfrei sein, um diese Tour zu bew\u00e4ltigen.<br>Der Ausblick auf Agulo und das dahinter liegende Meer war gro\u00dfartig. Je h\u00f6her wir jedoch kamen, desto n\u00e4her kamen wir auch den Wolken. Als wir schlie\u00dflich die Hochebene erreicht hatten, waren wir von Wolken umh\u00fcllt.&nbsp; Die st\u00e4rkste Steigung hatten wir geschafft. Nun ging es moderat bergauf. Der Weg f\u00fchrte durch eine Landschaft aus Agaven, Feigenkakteen und Wolfsmilchgew\u00e4chsen und wildem Fenchel. Schlie\u00dflich hatten wir die Aussichtsplattform Mirador de Abrante erreicht. Allerdings verhinderten die tiefh\u00e4ngenden Wolken die Weitsicht.<br>Oben auf der Hochebene \u00e4nderte sich die Landschaft. Der Pflanzenbewuchs wurde d\u00fcnner und die Erde wechselte die Farbe von gelb in ein intensives Ziegelrot. Die Sonne, die durch den Nebel schien, tauchte alles in ein leicht gelbliches Licht. Es schien, als w\u00e4ren wir auf einen anderen Planeten gewandert. Der Weg f\u00fchrte durch eine karge, h\u00fcgelige Landschaft aus roter Erde. Ein paar B\u00fcsche versuchten in der \u00d6de zu \u00fcberleben und bildeten mit ihren saftigen gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern einen sch\u00f6nen Kontrast zu der roten Erde. Auf der R\u00fcckseite des Berges ging es wieder nach unten. Der Abstieg war nicht ganz so steil wie der Aufstieg, trotzdem waren wir froh, den Rundweg im Uhrzeigersinn zu gehen und einen kurzen, sehr steilen daf\u00fcr k\u00fcrzer anstrengenden Aufstieg gehabt zu haben, als einen weniger steilen, daf\u00fcr l\u00e4ngeren und damit auch l\u00e4nger anstrengenden. Die R\u00fcckseite des Berges war gr\u00fcn. Hier wuchsen Baumheide, kanarische Dattelpalmen und Drachwurz. Als wir um die Felsnase herum kamen, hatten wir einen sch\u00f6nen Blick auf den Teide, den h\u00f6chsten Berg auf der Nachbarinsel Teneriffa. Wir schlenderten noch ein wenig durch das verschlafene Agulo und fuhren weiter zum Pescante de Hermigua, wo wir ein Bad in der ehemaligen Hafenanlage, die zu einem Meerwasserschwimmbecken umgebaut wurde, nahmen.<\/p>\n\n\n\n<h2>Wanderung zum Wasserfall<\/h2>\n\n\n\n<p>Unsere n\u00e4chste Wanderung f\u00fchrte in ein Seitental des Valle gran Rey zu einem Wasserfall. Der Weg dorthin ging parallel zu einem Bach durch ein unwegsames Feuchtgebiet. Riesenschilf, Zypernngras, Kresse und Dattelpalmen bildeten einen dichten Dschungel und es war nicht immer eindeutig, wo der Weg eigentlich war. Manchmal mussten wir einige Meter durch das Bachbett laufen oder durch Tunnel aus Riesenschilf kriechen.<br>Unter dem Pflanzendickicht konnten wir die Mauern von Terrassen erahnen. Offensichtlich wurden hier fr\u00fcher Nutzpflanzen angebaut. In diesem unwegsamen Gel\u00e4nde Terrassen in den Berg zu graben und die unz\u00e4hligen Steine f\u00fcr die Mauern zusammenzutragen und aufzuschichten, musste wirklich Knochenarbeit gewesen sein. Maschinen gab es in dieser Zeit nicht und w\u00e4ren in dem schwer zug\u00e4nglichen Gel\u00e4nde auch nicht einsetzbar gewesen.<\/p>\n\n\n\n<h2>Playa de la cantera<\/h2>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag erkundeten wir den S\u00fcden der Insel. Wir parkten unser Auto bei einer Ziegenfarm s\u00fcdlich des kleinen D\u00f6rfchens Alajer\u00f3. Ein schmaler Weg f\u00fchrte durch eine trockene Buschlandschaft mit unterschiedlichen Wolfsmilchgew\u00e4chsen den Hang hinunter bis zum Meer. Oben waren zahlreiche Terrassen angelegt, die darauf hindeuteten, dass hier vor vielen Jahren Ackerbau betrieben wurde. Jetzt lagen die Terrassen trocken und karg in der Sonne. Lediglich ein paar Wolfsmilchgew\u00e4chse sorgten f\u00fcr Abwechslung auf der kargen Erde. Die zeigte sich auf der Wanderung nochmal in allen Farben: von wei\u00df \u00fcber unterschiedliche Gelbschattierungen und Rott\u00f6ne bis ins Schwarze.<br>Am Playa de la Cantera standen die Reste einer Fischfabrik aus dem 19. Jahrhundert: gro\u00dfe Hallen mit eingefallenen D\u00e4chern und kleine Arbeiterh\u00e4user, die in die H\u00f6hlen der l\u00f6chrigen Felswand gebaut waren. Das Gel\u00e4nde war von einem Zaun umgeben. Am Gartentor stand ein Schild: hier wohnen Menschen \u2013 ganz legal.&nbsp; Bitte das Gel\u00e4nde nicht betreten. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass in diesen Ruinen Menschen lebten. Das Haupthaus war noch am besten erhalten, doch auch hier fehlten teilweise die Fenster und einige Dachziegel waren lose. Der Garten war teilweise sch\u00f6n bepflanzt, am Hang standen Wassertanks und einige Zelte und Plastikst\u00fchle deuteten auf menschliches Leben hin. Menschen sahen wir aber keine. Nur eine Katze. Wer hier in dieser Abgeschiedenheit wohl lebt und warum? Die Fischfabrik war nur \u00fcber den steilen Weg erreichbar, den wir heruntergekommen waren. Der Aufstieg bis zur n\u00e4chsten Stra\u00dfe, auf der unser Auto parkte, dauerte mindestens eine Stunde. Vom Wasser aus w\u00e4re es wahrscheinlich einfacher, doch von dem einstigen Schiffsanleger waren nur noch ein paar Mauerreste \u00fcbrig und Boote gab es auch nicht.<br>Wir legten uns an den Strand und genossen die Sonne, als es pl\u00f6tzlich vom anfing zu regnen. Dabei schien doch die Sonne. Aber ein kleiner Wolkenausl\u00e4ufer hatte sich wohl \u00fcber uns verirrt und beschloss uns mit einer kleinen Dusche zu erfrischen. Wir warteten den Schauer unter unserer Picknickdecke ab und traten dann den R\u00fcckweg an. In den Bergen hingen die Wolken fest und auch \u00fcber dem Meer zogen einzelne Schauer vorbei und zogen einen Regenvorhang vor den Horizont. Der Aufstieg war steil und anstrengend. Wir konnten nicht wirklich nachvollziehen, warum die Tour im Wanderf\u00fchrer als leichte Wanderung ausgeschrieben war.<br>In den Bergen war es st\u00fcrmisch. Der Wind riss an den B\u00e4umen und peitschte den Regen gegen unser Auto. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass das Wetter in Vueltas anders sein k\u00f6nnte. Die WetterApp zeigte strahlenden Sonnenschein und keinen der vielen Regenschauer, die um und \u00fcber die Insel zogen. Als wir das Valle gran Rey erreichten, wurde es heller. Die Sonne kam heraus und malte einen Regenbogen an die roten Felsen. Als wir Vueltas erreichten, schien die Sonne. Nur die dichten Wolken \u00fcber den Bergen erinnerten an das schlechte Wetter.<\/p>\n\n\n\n<h2>Casas de cuevas blancas<\/h2>\n\n\n\n<p>Unsere letzte Wanderung f\u00fchrte uns zu den Casas de cuevas blancas \u2013 die H\u00e4user in den wei\u00dfen H\u00f6hlen. Der Weg f\u00fchrte den Steilen S\u00fcdhang hinauf auf einen Grat auf dem sich die karge S\u00fcdhangvegetation mit den Sattgr\u00fcnen Kiefern und Baumheide trafen. Es wehte ein starker Wind und wir mussten gut aufpassen, wo wir unseren Fu\u00df hinsetzten ohne umgeweht zu werden und den steilen Hang hinabzust\u00fcrzen. Vor dem Stangensteig, der f\u00fcr seine vielen, schlecht gesicherten, exponierten Stellen bekannt war, warteten wir einen kr\u00e4ftigen Regenschauer mit starken Windb\u00f6en in einer H\u00f6hle ab. Der Wind peitschte den Regen \u00fcber die Berge und das sonnige San Sebastian verschwand hinter grauen Regenvorh\u00e4ngen. Es wurde mit gef\u00fchlten 10\u00b0C ziemlich kalt und wir zogen alles an, was wir hatten. Als der Regen vorbei war, wagten wir die Wanderung \u00fcber den Stangensteig. Der schmale H\u00f6henwanderweg f\u00fchrte an einem Bergr\u00fccken entlang. Links ging es teilweise senkrecht 100m bergab, rechts einige Meter steil bergauf. Der Weg war ca. 50cm breit und erforderte Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Die Landschaft \u00fcberzeugte wieder mit pr\u00e4chtigen Farben. Der steile Berghang war mit gr\u00fcnen Kiefern bewachsen, die einen sch\u00f6nen Kontrast zu der roten Erde bildeten. Schlie\u00dflich f\u00fchrte der Wanderweg \u00fcber den Bergr\u00fccken in eine andere Welt. Wir befanden uns wieder am S\u00fcdhang, der hier gespenstisch karg war. Die Pflanzen, die hier wuchsen waren alle vertrocknet und gl\u00e4nzten silbrig in der Sonne, als w\u00e4ren sie von hei\u00dfer Luft versengt worden. S\u00e4mtliches Leben wirkte ausgel\u00f6scht. Nur der Blick nach links ins Tal mit seinen gr\u00fcnen Kiefern erinnerte noch daran, dass wir uns auf der Erde befanden. Sonst h\u00e4tte es vielleicht auch der Mond sein k\u00f6nnen. Auch hier waren viele Terrassen angelegt, die auf fr\u00fcheren Ackerbau hindeuteten. Es war allerdings kaum vorstellbar, dass in dieser leblosen W\u00fcste Nutzpflanzen angebaut wurden. Wahrscheinlich war es zu beschwerlich geworden und deshalb aufgegeben worden.<br>Die Casas de cuevas blancas lagen eng an einen Felshang geschmiegt. Sie wirkten von au\u00dfen klein, waren innen aber sehr ger\u00e4umig, da sie in H\u00f6hlen gebaut waren und deren Raum mitnutzten. Einige H\u00e4user waren bereits eingefallen, andere aber noch intakt und sogar eingerichtet. In einem der H\u00e4user war der Tisch gedeckt, Pfannen standen auf der Kochstelle, im Wandregal stapelte sich Geschirr und das Bett hatte sogar noch eine Matratze. Schuhe und Klamotten lagen auf dem Boden verteilt und drau\u00dfen im Ofen stand eine Pfanne und wartete darauf benutzt zu werden. An der Hausecke lagen einige leere Flaschen. Warum hatten die Leute so viel Hab und Gut zur\u00fcckgelassen und waren einfach so gegangen? Mich stimmte der Anblick dieses und der vielen Lost Places auf La Gomera traurig. Wenn Tiere ihr Zuhause verlassen, fallen die Bauten im Laufe der Jahre zusammen und die Nester werden vom Wind aufgel\u00f6st. Nach kurzer Zeit sind alle Spuren verwischt \u2013 nichts mehr deutet darauf hin, dass hier mal ein Tier gelebt hatte. Bei menschlichen Lebensr\u00e4umen ist das anders. Gem\u00e4uer bleiben \u00fcber Jahrhunderte erhalten, Plastik und Gummi brauchen mehre 100 oder sogar 1000 Jahre um zu verrotten. Die Verrottungsdauer von Glas konnte bisher nicht gemessen werden. Menschen ver\u00e4ndern und sch\u00e4digen die Erde nachhaltig. Ihre Spuren sind mitunter Jahrtausende sichtbar.<br>Spuren zu hinterlassen, scheint ein menschliches Bed\u00fcrfnis zu sein. Ein Geltungsbed\u00fcrfnis. Aber welches Geltungsbed\u00fcrfnis befriedigen wir, indem wir M\u00fcll hinterlassen und damit den Lebensraum f\u00fcr nachfolgende Generationen sch\u00e4digen? Ist es vor diesem Hintergrund nicht erstrebenswerter, keine Spuren zu hinterlassen und es den Tieren gleichzutun? Das w\u00fcrde aus meiner Sicht eher einem Geltungsbed\u00fcrfnis gerecht werden. Denn man m\u00f6chte den Nachkommen doch in guter Erinnerung bleiben.<\/p>\n\n\n\n<h2>R\u00fcckreise<\/h2>\n\n\n\n<p>Wir fuhren weiter nach San Sebastian, wo uns die F\u00e4hre abends nach Teneriffa brachte. Es war guter Seegang und das Schiff wurde in den Wellen hin und her gesch\u00fcttelt. Geradeaus laufen war schwierig. Mir fiel unser Hinflug ein, bei dem wir w\u00e4hrend leichter Turbulenzen die Anschnallgurte anlegen sollten. In diesen Turbulenzen w\u00e4re Laufen problemlos m\u00f6glich gewesen. Auf dem Schiff liefen die Leute in Schlangenlinien. Anschnallgurte oder die Aufforderung, sich hinzusetzen, gab es nicht.<br>Auf Teneriffa hatten wir dieses Mal ein anderes Hostel gebucht. Es lag an der Costa del Silencio. Das Hostel hatte einen sch\u00f6nen Innenhof, der von einem pr\u00e4chtigen Ficusbaum \u00fcberschattet wurde. Die Zimmer waren liebevoll eingerichtet und mit sch\u00f6nen Wandmalereien bemalt. Als wir kamen herrschte im Innenhof reges Treiben. Jemand spielte Gitarre und andere sangen dazu. Es roch nach Gras. Die Schilder, dass der Graskonsum hier verboten ist, interessierten hier wohl niemanden.<br>Abends erkundeten wir die Gegend. Der Stadtteil, in dem sich das Hostel befand, schien heruntergekommen. Die Stra\u00dfe war mit tiefen Schlagl\u00f6chern \u00fcbers\u00e4t und von den H\u00e4usern br\u00f6ckelte der Putz. \u00dcber den Stra\u00dfen spannten sich Lichterbogen mit leuchtenden Schneeflocken und Sternen. Die Weihnachtsbeleuchtung passte nicht wirklich zu Palmen und der lauen Sommernacht. Aber es war der erste Advent.<br>Wir fanden ein Restaurant, in dem wir auf Empfehlung des Wirts kross gebratenen Lachs mit Kartoffeln und Salat genossen. Das letzte Mal kanarische K\u00fcche. Die traditionelle K\u00fcche hatte es mir angetan. W\u00e4hrend die Hausmannskost in Deutschland gerade zunehmend verschwindet, wird die Landesk\u00fcche auf den Kanaren sehr gepflegt, sodass wir uns durch die reichhaltige und abwechslungsreiche kanarische K\u00fcche schlemmen konnten. Ich a\u00df gebackenen K\u00e4se mit Mojosauce und Palmhonig, Garnelen in Knoblauchsauce, Paella und Schweinegeschnetzeltes in Roquefortsauce. Alles ein Genuss und eine willkommene Abwechslung zur deutschen K\u00fcche, die mittlerweile nur noch aus Pizza, Pasta, Burgern, Sushi und Currys zu bestehen scheint.<br>Am n\u00e4chsten Morgen erkundeten wir den Stadtteil nochmal im Hellen. Der heruntergekommene Eindruck des Ortes best\u00e4tigte sich.<br>Bei Google Maps hatte ich einen sch\u00f6nen K\u00fcstenstreifen entdeckt, den ich mir anschauen wollte. Der Weg dorthin f\u00fchrte durch ein verfallenes Viertel. Ich musste immer den Boden im Blick haben um nicht in ein Schlagloch zu stolpern. Neben dem Weg lag eine verfallene Parkanlage. Lautes Vogelgezwitscher lenkte meinen Blick nach oben. In den ausladenden \u00c4sten des Ficusbaums hingen gro\u00dfe kugelf\u00f6rmige Nester aus denen gr\u00fcngefiederte M\u00f6nchssittiche guckten. Der Weg f\u00fchrte weiter an einem halb verwaisten Tennisplatz vorbei in eine bessere Gegend. In den G\u00e4rten der luxuri\u00f6sen Einfamilienh\u00e4user wuchsen gro\u00dfe Yucca-Palmen und es bl\u00fchten Geranien und Hibiskus in allen Farben. Es folgte ein Hotel- und Ferienhausviertel in dem viele Touristen wohnten. Ich sah die endlosen Fassaden mit ihren zahlreichen Balkonen entlang. In den Innenh\u00f6fen reihten sich Liegestuhl an Liegestuhl um die Pools. Eine Bettenburg nach der n\u00e4chsten. Hier passten sie sich als 2-3 geschossige Bauten mit ihrer ausgefallenen Architektur noch sch\u00f6n in die Umgebung ein. Ich hatte aber die geschmacklosen Hochhausburgen von Adeje, die mich eher an K\u00e4fige aus der Massenh\u00fchnerhaltung erinnerten, im Kopf und ich dachte an artgerechte Tierhaltung. Beim Anblick der Massenmenschenhaltung in Hotelburgen fragte ich mich, wie wohl artgerechte Menschenhaltung aussieht. F\u00fcr jeden, je nach pers\u00f6nlichem Geschmack, wahrscheinlich anders. F\u00fcr mich auf jeden Fall einsam und naturnah. Keine Massenhaltung.<br>Die K\u00fcste am Ziel war wirklich sch\u00f6n. Die Felsen erinnerten mich mit ihren gelblich-braunen Schichten an die Bilder des Antelope-Canyons und bildeten einen sch\u00f6nen Kontrast zu den schwarzen Steinen am Strand und dem t\u00fcrkisblauen Wasser mit seiner wei\u00dfen Gischt.<br>Am Nachmittag flog unser Flugzeug und brachte uns wieder zur\u00fcck in den kalten Norden. Immerhin passte das Wetter besser zur beginnenden Weihnachtszeit. Lebkuchen, Spekulatius und leuchtende Schneeflocken in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone passten doch besser zu kaltem Wetter als zu Palmen und sommerlichen Temperaturen.<br><br>Fotos von der Reise gibt es <a href=\"http:\/\/nordlichtblog.de\/?page_id=24%2F&amp;gallery=la-gomera\">hier<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Resturlaub im November \u2013 in dieser Zeit ist das norddeutsche Schmuddelwetter ja nicht gerade einladend. Also lieber in den warmen S\u00fcden und bisschen Sonne auf La Gomera tanken. Doch zuerst ging es auf die Nachbarinsel Teneriffa, weil es auf La Gomera keinen internationalen Flughafen gab. Wir verlie\u00dfen Hamburg bei 4\u00b0C, Wind und Regen und landeten&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[5],"tags":[42,47,41,40,38,43,46,39,45],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1654"}],"collection":[{"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1654"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1654\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1835,"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1654\/revisions\/1835"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1654"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1654"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/nordlichtblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1654"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}